What would Shakespeare say?

Manchmal brennt mir die Frage unter den Nägeln, was passieren würde, wenn berühmte Persönlichkeiten, die in der Zeit vor der Moderne wirkten, aus ihren verrotteten Gräbern auferstünden und einen Fuß auf die Erde setzten. Ich meine nicht, was mit uns passieren würde, denn wir würden ihre Präsenz höchstwahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, sondern mit diesen bedauernswürdigen anachronistischen Gestalten, die sich womöglich in einem anderen Universum wähnten.

Würden sie, nach dem überwundenen Kulturschock (sofern von Kultur überhaupt die Rede sein kann) glauben, dass die Welt aus den Rudern geraten wäre oder könnten sie mit Stolz behaupten, dass ihr Einfluss noch immer sichtbar sei und er die Welt in einen wertvolleren Lebensraum verwandelt habe?

Hält man sich die Standardaussage der meisten Senioren („Früher war alles besser.“) vor Augen, bleibt eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die untoten Tattergreise nur ein einziges gutes Haar an unserer Lebensform lassen würden.

Wie dem auch sei, eines weiß ich sicher: Shakespeare würde sich darüber freuen, dass seine plays noch heute auf den Theaterbühnen der Welt aufgeführt werden. Könnte ich einen Tag mit dem Genie verbringen, würde ich ihm ganz bestimmt, aus Rücksicht auf seine Blutdruckwerte, (oder was weiß ich, mit welchen Gebrechen Untote zu kämpfen haben) verheimlichen, dass Generationen von Schülern es als Qual empfinden, seine Werke zu lesen und zu interpretieren.

Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit einem verschmitzten Grinsen ankündigen:

„I`m gonna scare the hell out of you. Just watch what mankind has achieved.“

Ich werde über jeden Zweifel, dass er meine moderne amerikanische Gossensprache nicht versteht, erhaben sein und ihm die technischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften meiner Epoche näher bringen. Mit viel Glück entlocke ich ihm ein gefälliges Nicken.

Er wird mir viele Fragen über den Nutzen von Gesellschaftsstrukturen, politischen Systemen, elektrischen Geräten oder Gegenständen, die wie selbstverständlich Teil unserer Welt sind, stellen und ich werde mir die größte Mühe geben, sie zu seiner vollen Zufriedenheit zu beantworten. Mit jeder erörterten Frage wird meine Nervosität wachsen, da ich mir bewusst bin, dass sich nicht jedes Phänomen der modernen Welt hinreichend erklären lässt.

Und dann kommt sie, die niederschmetternde Frage…

Wir betreten eine bekannte Buchhandelskette und Shakespeare schmökert in seinen Werken, die er als Reklamausgabe in der Abteilung der literarischen Klassiker gefunden hat. Er hält einen Diskurs über die große Errungenschaft der Buchdruckkunst. Wir stellen uns an der Kasse an, vor uns warten Menschen, die Dekoartikel in Händen halten. Shakespeare wirft ihnen einen herablassenden Blick zu, und flüstert mir zu:

„I thought illiteracy isn`t an issue any more in the modern world.“

Ich zucke mit den Schultern und entgegne ihm:

„No, it isn`t. They know how to read, they just feel like decorating their homes.“

Shakespeare beweist Humor, indem er in schallendes Gelächter ausbricht. Als wir zur Kassiererin gebeten werden und das Literaturgenie es mir überlässt, die Gesamtwerkausgaben von 15 englischsprachigen Autoren zu bezahlen und ich ihm gerade verklickern will:

„You confuse me with somebody who has money.“

nimmt das Grauen seinen Lauf. Die hervorragend geschulte Angestellte wedelt mit einem Werbeprospekt vor unseren Nasen herum und erklärt uns mit einem unvergleichbaren Glänzen in ihren Augen, dass der e-Reader am darauffolgenden Montag exklusiv in dieser Buchhandelskette zu erwerben sei und ob wir schon einen vorbestellen wollen. Shakespeare erbleicht auf der Stelle. Um den Schein zu wahren, frage ich sie höflich, was es denn mit einem e-Reader auf sich habe.

„Der e-Reader, den es für den Spottpreis von 139 Euro zu kaufen gibt, ist ein digitales Buch mit Touchscreen, auf dem Sie komplette Bücher hochladen und lesen können.“

entgegnet es wie aus der Kanone geschossen. Ich frage, ob die Bücher kostenlos hochgeladen werden können. Sie antwortet, dass sie etwas billiger als die gedruckten Bücher seien. Ich verkneife mir einen Kommentar und bezahle die ausstehende Rechnung.

Beim Verlassen der Buchhandlung bemerke ich, wie sich der Brite verwirrt an der Schläfe kratzt. Die Situation ist nicht mehr zu kitten. Eine bedrohliche Enge liegt in der Luft, die mir die Kehle zuschnürt. Ich ringe nach Luft. Meiner Gesundheit zuliebe entschließe ich mich dazu, das Unvermeidbare zu beschleunigen.

„What is wrong?“

frage ich meinen Begleiter.

Er räuspert sich, sucht mit seinen durchdringenden Augen den Blickkontakt zu mir, während alles auf die eine niederschmetternde Frage hinausläuft:

„What on earth do you need an e-book for?“

Ich ringe nach Atem. Er insistiert:

„What kind of idiot would prefer such a thing to a printed book?“

Ich sacke in mir zusammen, in Sekundenschnelle verliere ich den Glauben an die Fortschrittlichkeit der Menschheit seit Erfindung des Buchdruckes, die Zuversicht darin, dass es für alles auf der Welt eine logisch nachvollziehbare Begründung gibt.

Ich ergebe mich der Paradoxie und Inkohärenz menschlichen Waltens auf Erden und antworte ihm als gebrochenes, desillusioniertes Menschenkind:

„I have not the slightest idea.“


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