Vom Traumtänzeln

„Ich habe einen Traum, der sich symptomatisch durch mein Leben zieht. Ich bin die Seiltänzerin, die in 20 Metern Höhe über dem Publikum schwebt, die mit geschmeidigen Fußbewegungen ein schmales Drahtseil betanzt, besingt, bezwingt und in den Bann ihrer majestätischen Aura zieht. Es ist einer dieser mächtigen Momente, die den weiteren Verlauf deines Lebens maßgeblich bestimmen. Und dieser Moment kommt, glaub mir, ob du nun dafür bereit bist oder nicht… Ich wache schweißgebadet auf.“

„Wieso wachst du schweißgebadet auf?“

„Naja, weil ich gesiegt habe, verstehst du, dort oben auf dem Seil, da lebe ich meinen Traum. Diese Sekunden, in denen du zu kämpfen aufhörst, weil die Welt zu einer synästhetischen Einheit verschmilzt und du plötzlich spürst, wie der Geruch der Freiheit über deine Haut streift, die sind, die sind…

…die sind wunderschön und doch nicht real. Eine Illusion, verstehst du? Die Seiltänzerin hat vergessen, dass es ein Publikum gibt und das Publikum hat nicht bemerkt, dass sie existiert. Es schaut nicht in den Himmel, es blickt auf die Erde. Und dann weiß sie, dass sie nur eine Erscheinung, nur eine Projektion der Ängste und Hoffnungen ihrer Zuschauer ist, dass sie einzig und alleine in den Träumen anderer Menschen lebendig ist.“

„Bist du oft die Seiltänzerin?“

„Ja. Sehr oft und immer wieder stecke ich meine ganze Hoffnung in etwas, das nie Realität sein wird. Ich möchte gesehen, gehört, bewundert werden. Es passiert einfach nie, keine Seele schaut zu mir hinauf.“

„Und dann fällst du?“

„Nein, ich falle nicht, ich löse mich in Luft auf, höre auf, zu sein. Immer wieder.“

„ Du musst springen, das ist deine einzige reelle Chance, gesehen zu werden. Nicht schweben, sondern fallen.“

„Ja, wenn ich soweit bin, dass ich das Tanzen verlernt habe, dann werde ich auf dem rauen Asphalt aufkommen und mir vornehmen, glücklich zu sein.“

„Glaubst du, dass du das erreichst?“

„Manchmal, in kurzen Momenten des Durchatmens, wenn ich aufhöre, zu kämpfen, ich die Augen schließe und von einem besseren Leben träume, nur dann werde ich wirklich glücklich sein.“

 


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