Wo ist das Teeei geblieben?

Die Hochzeitsfeier des frisch vermählten Ehepaares Schreiben- Zwiebelfisch wurde von unangenehmen Zwischenfällen überschattet. Zunächst musste sich die nervlich angespannte Braut Wilma schiere Unverschämtheiten von ihren Schwiegereltern anhören. Dabei hatte sich die junge Frau solche Mühe gegeben, bei der Familie ihres frisch Angetrauten mit ihrem Charme und intellektuellen Auftreten zu punkten. Nun machte dieses eine Wort, das unmissverständlich auf ihre Person bezogen war, alle Bemühungen der letzten 5 Jahre zunichte. Für den Rest des Abends rang Wilma sprichwörtlich nach Atem, suchte den Hochzeitssaal nach einer Sauerstoffflasche ab, während das Wort „Seeelefant“ wie ein Brandmal auf ihre Stirn geschrieben war.

Inbrünstig hoffte sie darauf, dass die Zeit schneller vergehen würde und sie noch eine Weile die Contenance bewahren könne. Sie umarmte und küsste ihren Mann Ernst leidenschaftlich, um sich ein wenig in seiner Geborgenheit zu wähnen, während sie ihm zärtlich ins Ohr flüsterte, wie sehr sie sich auf die gemeinsame Hochzeitsreise, die Schifffahrt zu den Hawaiiinseln, freue. Dann erschien die Schwiegermutter wie aus dem Nichts und machte sich daran, die romantische Stimmung  restlos zu zerstören. Sie schob Wilma an ihre Seite heran.

„Entschuldige, mein Liebes. Aber ich muss wegen einer dringenden Angelegenheit mit dir sprechen. Apropos, wenn du willst, darfst du mich jetzt auch duzen, also ich meine das lässt sich ja nicht vermeiden, wo du nun mit meinem Sohn verheiratet bist. Apropos, wann wollt ihr eigentlich Kinder und geht das überhaupt bei deinem Gewicht? Versteh mich nicht falsch, ich wünsche mir nur so sehr ein Enkelkind.“

Wilma schoss das Blut in ihren Kopf, so brodelte innerlich und war kurz davor, zu explodieren. Die dreiste Schwiegermutter erkannte ihren Fauxpas und war nun bemüht, die Sache schnell auf den Punkt zu bringen.

„Es tut mir leid, meine Liebe, ich meine das nicht so. Selbstverständlich könnt ihr euch mit dem Kinderkriegen noch Zeit lassen, bloß keine Eile, sieh du zu, dass du erst einmal einen vernünftigen Beruf ausübst.“

Wilma begann zu fauchen: „AAAHrrrgggg!!!“

„Bitte unterbrich mich nicht, wenn ich gerade im Redefluss bin. Also. Das, worauf ich eigentlich hinauswollte, hat nichts mit dieser Hochzeit zu tun, zumindest nicht vordergründig. Es geht um Tante Gitti, sie ist sehr erbost wegen deines Verhaltens.“

„Bitte??!! Was habe ich denn getan?“

„Bitte unterbrich mich nicht. Du hast dir vor langer Zeit ein Teeei ausgeliehen und es ihr bis jetzt noch nicht zurückgebracht. Es ist aus Gold und zudem ein Familienerbstück.“

Wilma begann zu lachen.

„Ich bitte dich, Kind, die Angelegenheit ist alles andere als amüsant.“

„Doch, das ist sie, sie ist so dämlich, dass man einfach lachen muss. Warte hier kurz.“

Die junge Frau sprintete zielstrebig zur Bar hinüber, schnappte sich ein Weizenglas und stellte eine wahllose Mischung aus herumstehenden Spirituosen zusammen. Diese trank sie in einem Zug leer, sprang wie eine Irre quer durch den Saal, wobei sie die Anmut eines übermütigen Rehkitz gepaart mit der Ästhetik einer Dampfwalze gekonnt zu verkörpern wusste.

Dann plötzlich stockten ihre Bewegungen. Sie schien sich kurzfristig für eine Planänderung entschieden zu haben. Auf direktem Weg lief sie auf die Bühne, schnappte sich das Mikrophon, deutete der Band an, die Musik einzustellen, und begann ihre Rede.

„Meine lieben Gäste, Freunde, Verwandten, Verschwägerten, Verbrüderten …. und auch alle anderen, die sich nicht angesprochen fühlen! Ich freue mich, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid, um diesen wunderschönen Tag mit uns gemeinsam zu etwas Unvergesslichem werden zu lassen. Ich habe den Ernst meines Lebens gefunden und der Ernst seine Wilma Schreiben. Es gibt nun eine Sache, die einen kleinen Schatten auf die Feierlichkeiten wirft. Es ist bekannt, dass ich einen großen Schatten werfe, jedoch aus genau diesem Grund passe ich hervorragend in die Familie meines Mannes hinein. Wir sind alle kleine Moppelchen, ist das nicht wahr, meine liebe Schwiegermutter? Dafür kann ich mit Recht behaupten, dass sich die Größe meines Herzens proportional zu meinem Körpergewicht verhält. Ich besitze die Fähigkeit, Menschen zu vergeben, die mir etwas Böses wollen, bzw. hinter meinem Rücken über mich tratschen. Allerdings, um wieder zu dem Schatten zurückzukommen: Es gibt etwas, das ihr nicht über mich wisst. Ich bin nicht die, von der ihr glaubt, dass ich es bin. Ich bin die Doppelgängerin der echten Wilma Schreiben-Zwiebelfisch. Bitte hört euch meine Geschichte in Ruhe an und urteilt dann erst über mich. Ich bin das Opfer von intriganten und kriminellen Machenschaften. Alles begann mit einem Teeei, dem Teeei der Tante Gitti. Sie schenkte es der echten Wilma, vergaß jedoch aus Gründen, die ich netterweise auf ihr Alter schiebe, dass es ein Geschenk war und wollte es zurückfordern. Da das Teeei mit einem goldenen Schriftzug versehen war und es sich bei dem Gegenstand um ein Familienerbstück handelte, entschloss sich Wilma kurzerhand, das Teeei für viel Geld zu verkaufen und anschließend nach Argentinien zu flüchten. Dort lebt sie heute in Saus und Braus. Ich wurde unter Androhung des Todes gezwungen, in Wilmas Rolle zu schlüpfen und musste den Ernst des Lebens auf grausame Weise kennenlernen. Nun habe ich eine Frage an dich Schatz. Liebst du mich trotzdem?“

Mit ihren flinken Augen suchte Wilma jeden Winkel des Hochzeitssaals ab. Ernst war nicht zu finden. Sie riss einem Gast die Bierflasche aus der Hand, um ihre Unsicherheit zu verbergen und sich Mut anzutrinken. Da plötzlich hörte sie ein Schnarchen, das sie sofort wiedererkannte.

„Ernst“, schrie sie.

Die Blicke der Gäste richteten sich auf einen schnarchenden, sabbernden Mann, der in der Mitte des Raumes lag und friedlich vor sich hin döste. Die Menschenmasse entfernte sich von dem Bräutigam, so dass die falsche Wilma freie Sicht auf das ganze Elend hatte. Nach kurzem Überlegen gab sie der Band ein Zeichen, weiterzuspielen.

„Aber diesmal was Romantisches“, rief sie voller Begeisterung und mit Freudentränen in ihren Augen den jungen Männern zu.


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