Berliner Frühling

Der Berliner Frühling kommt verhältnismäßig spät. Er hat seinen eigenen Rhythmus, so wie fast alles hier. Du bist nie alleine, selbst an den verborgensten Orten nicht, deine Ideen gehören nie ganz dir, haben immer Vorreiter und Nachahmer. Manchmal passiert es, dass du den Startschuss nicht hörst und sich eine Horde von Menschen bereits dort versammelt hat, wo du auf ein bisschen Ruhe und ländliche Idylle gehofft hattest. Der Geruch von frisch gegrilltem Nackensteak steigt in deine Nase, Federbälle oder Fußbälle fliegen dir entgegen, Kindergeschrei betäubt deine Ohren, herumtollende Hunde bringen dich fast zu Fall und du fragst dich ganz ernsthaft, was die Menschenmassen bitteschön in deinem Lieblingspark zu suchen haben. Dann kommt die plötzliche Eingebung, dass die Stadt Berlin, die, im Gegensatz zu dir, nie zur Ruhe kommt, dir im Schlaf deine Ideen stibitzt und du nie mit ihr Schritt halten kannst, so sehr du es auch versuchst.

Ein kleines gemütliches Café, sagen wir in Kreuzberg, bleibt nicht lange unentdeckt. Hast du dich gestern noch über die familiäre Atmosphäre, die akkuraten Preise, die freundliche und schnelle Bedienung und die bequeme Sitzgelegenheit gefreut, kann es passieren, dass ein spitzfindiger Journalist dein kleines Kuchenparadies als Geheimtipp in einem Berliner Magazin veröffentlicht und es zum Menschenmagneten avanciert. Der Schuss ist gefallen, du hast ihn gehört, laut und deutlich, und weißt, dass du dir eine neue Anlaufstelle für ruhige Stunden suchen musst, wenn du dich nicht vom Strom der Menge mitreißen lassen willst. Manchmal will ich das, unter Menschen sein, unter Fremden, mir Geschichten über sie ausdenken, die ich aus aufgesammelten Gesprächsfetzen zusammenflicke. Ich lausche ihrer Stimmen, versuche herauszufinden, wo sie herkommen, mustere sie von Kopf bis Fuß, nur um festzustellen, dass meine Observationen immer auf die eine selbe Frage hinauslaufen.

„Was hat dich nach Berlin getrieben“, höre ich mich leise sagen. Dann bin ich wieder still, breite eine Zeitung auf dem Tisch aus, lese ein paar Zeilen, blicke von der Lektüre mit einem verstohlenen Grinsen auf und freue mich, hier zu sein, in meinem Berlin, das täglich sein Gesicht wechselt und mir dennoch so vertraut ist.


Pollen schwirren wie Träume durch die Luft, landen auf der Erde und werden wieder aufgeschleudert, als ich mir den Weg zu einem verwinkelten Bereich des Treptower Parks freikämpfe. Der verlassene Karpfenteich glitzert in der Sonne, lädt zum Baden ein. Ich tauche meine Fußspitzen darin ein, lasse sie im Takt der Wellen tanzen und verspüre das Bedürfnis, ganz im Wasser zu versinken, fast so, wie ich in dieser Stadt versunken bin. Seit ich hier wohne, habe ich vergessen, wann das Träumen aufhört und das Leben beginnt. Alles fühlt sich authentisch und doch surreal an.

Plötzlich, bevor der Plan, nach Berlin zu ziehen, aus den Kinderschuhen schlüpfen konnte, hatte ich meine alten Möbel verkauft oder verschenkt, meinen Mitbewohnern herzzerreißende Abschiedsworte hinterher gerufen, mir das Nötigste unter die Arme geklemmt und fand mich auf Umzugskisten sitzend in einem kleinen WG-Zimmer in Alt-Treptow wieder.

Was mich nach Berlin gezogen hat, kann ich nicht genau sagen. War es die Idee einer Stadt, in der jeder seinesgleichen findet und die Entfaltungsmöglichkeiten schier unerschöpflich scheinen? Die Sehnsucht nach etwas Neuem, für das es sich zu kämpfen lohnen würde? Die Einsicht, Altem nicht hinterher zu trauern? Oder der Wunsch, die Vergangenheit systematisch zu verdrängen? Vielleicht ist das Leben so banal, dass man seinen Handlungen nichts Heroisches, Symbolträchtiges, märchenhaft Verklärtes nachweisen kann. Vielleicht tun wir alles im Leben aus einer inneren Notwendigkeit heraus, die keinen Spielraum für Kreativität lässt. Ich habe aufgehört, mich über meine Entscheidungen zu wundern, und angefangen, zu realisieren, dass ich Teil einer Masse bin, die ihre mit Ideen und Hoffnungen gefüllten Koffer nach Berlin schleppt und auf das kleine bisschen Glück setzt. Alle diese Menschen verändern täglich das Bild der Stadt und lassen Berlin zu einer Insel der Zuflucht, einem Asyl für Träumer werden, das so viele Wahrheiten beherbergt wie es Einwohner zählt.

Meine Wahrheit liegt auf dem Dachboden meiner Eltern unter alten Schulheften vergraben. Als ich das Gefühl hatte, dass man mir den Boden unter den Füßen wegreißen wollte, klammerte ich mich an diesen alten Erinnerungen fest und begann mich zu fragen, welcher Teil meiner Kindheit noch in mir lebendig ist und welcher gestorben war. Der Blick schweifte flüchtig auf eine Mappe, die das Wort „Kreatives“ zierte. Ich begann mich in die Geborgenheit meiner geschriebenen Worte einzulümmeln und friedlich einzuschlafen. Am nächsten Morgen musterte ich noch einmal die Gravur meines Verlobungsringes, legte ihn in eine Schachtel und wies ihr den Platz zu, den bis zum Tag zuvor meine Romanskizzen okkupiert hatten. Dann packte ich etwas Geld, Verpflegung und die nötigsten Klamotten ein und lief zum nächsten Bahnhof, um ein Ticket nach Berlin zu lösen. Ich verschickte 10 Kurznachrichten mit dem Wortlaut „Ich ziehe nach Berlin“, schaltete sofort darauf mein Mobiltelefon aus und grinste in mich hinein, als mir die Worte „jetzt oder nie“ über die Lippen glitten.

Der Zug fuhr langsam aus dem Bahnhof. Ich fühlte mich befreit und verspürte im selben Moment eine Angst, die ich so noch nicht kannte. Meiner Gegenwart beraubt schwebte ich im luftleeren Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft, unsicher, was der nächste Tag, die nächsten Wochen und Monate bringen würden. Ich wusste, dass es an der Zeit war, etwas Neues zu schaffen, mein Potential auszuschöpfen und den Weg zu gehen, den ich mich die ganzen Jahre nicht zu gehen getraut hatte. Es gab keine Geborgenheit mehr, in die ich mich hätte begeben können, um das Leben abzuschotten und das Ticken der Zeit zu ignorieren. Es gab kein Zurück. Ich war entwaffnet und doch nie zuvor so sehr ich selbst wie in diesem Moment, in dem mein blanker Überlebenswille das Ruder übernahm. Ich hatte den inneren Kampf gegen den Teil von mir, der aufgeben und sich an die Vergangenheit klammern wollte, überstanden. Jetzt musste ich noch das Leben überstehen.


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