Archiv der Kategorie: Dichtung und Wahrheit

Ansichten eines Nichtkünstlers – ein fiktives Interview

AS:

Christian Höfer, Sie sind Begründer einer sich rapide ausbreitenden Künstlerbewegung, die sich „Keine Kunst“ nennt. Wo kommen Sie her und was ist Ihre Botschaft?

Christian H:

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass sich „Keine Kunst“ als Projekt versteht, das alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens tangiert und somit eine Gesamtheitlichkeit impliziert, die das Denken in Kategorien wie Kunst und Leben als unzeitgemäß enttarnt. Wir scheuen den Begriff Künstlerbewegung, wenn überhaupt sind wir eine Anti-Künstler-Bewegung. Ich persönlich bevorzuge die Bezeichnung „gesamtweltliches Konzept“.

AS:
Sie sehen sich demnach als den Begründer eines postmodernen gesamtweltlichen Konzeptes.

Christian H:

Das habe ich so nicht gesagt. Die Postmoderne stellt einen winzigen Abschnitt, nur einen Augenschlag im Weltgeschehen dar. Unser Konzept erhebt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, wir möchten uns nicht in das gemachte Nest einer schnelllebigen In-Kultur setzen.

AS:

Sie profitieren aber von dieser In-Kultur.

Christian H:

Sicher, das lässt sich nicht abstreiten. Unser Werbeslogan „Zurück zur Natur- Nieder mit der Kunst“ hat starke Resonanz bei denjenigen Menschen, die die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst nicht mehr hinnehmen wollen und können, gefunden. Ich bin der Ansicht, dass Kunst nicht mehr zeitgemäß ist, „keine Kunst“ jedoch schon immer existiert hat und immer existieren wird. Es brauchte nur einen Mutigen, der die Wahrheit offen ausspricht.

AS:

Und der sind Sie.

Christian H:

Das sind im Grunde alle Menschen, die sich durch unsere Initiative ermutigt fühlen, endlich mal Tacheles zu reden. Wir haben aus hilflosen und verzweifelten jungen Menschen, die sich unverstanden fühlten, selbstbewusste Persönlichkeiten gemacht. Darauf bin ich sehr stolz, dafür hat sich die harte Arbeit und die Zeit, die wir investieren mussten, gelohnt.

AS:

Können Sie ein bisschen erzählen, wie die Arbeit an Ihrem Projekt aussieht. Sie sprechen oft von „Wir“. Wer sind die Drahtzieher der Bewegung.

Christian H:

Zunächst einmal ist der Name Programm. Wir, also das ist im Kern eine Gruppe von 10 Personen, verfolgen kurz gesagt die Intention, keine Kunst zu machen – und das mit Leidenschaft. Wir stehen in der Öffentlichkeit und im Fokus der Medien, wurden zunächst als Protestbewegung verschrien, nicht ernst genommen, mit negativer Kritik überhäuft, skeptisch beäugt. Spinner seien wir, da unsere Forderungen und Ziele unrealistisch und nicht umsetzbar seien. Wir haben gekämpft, uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Der Erfolg hat uns recht gegeben: Wir haben es geschafft, die Masse für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren.

AS:

Wie beziehen Sie Stellung in der Gesellschaft? Wie sieht nun Ihre Tätigkeit konkret aus?

Christian H:

Das werde ich häufig gefragt. Nun, ich mache keine Kunst. Das ist meine Tätigkeit, grob umrissen. In der Praxis sieht es so aus, dass ich, um nur ein Beispiel zu nennen, nackt an einem Graffito vorbeilaufe. Ich stelle in meinem Adamskostüm, der unverfälschten Natur, ein Gegenkonzept zu der gängigen Praxis, jeden dahergemalten Strich als Kunst zu bezeichnen, dar.

AS:

Sie müssen jedoch zugeben, dass solcherlei Aktionen nun wieder den Charakter einer Protestkultur aufweisen.

Christian H:

Ganz und gar nicht! Unsere Vorstellungen kongruieren lediglich nicht mit dem weit verbreiteten Kunstkonzept. Wir möchten die Kunst nicht ins Lächerliche ziehen, das schafft sie auch ohne uns. Wir stellen natürlich ein Gegenkonzept zur Kunst dar, weil letztere nun einmal zur gesellschaftliche Norm geworden ist. Unser aller Leben wird fremdbestimmt, und zwar durch die Kunst. Die Kunst ist manipulativ, unumgänglich, korrupt. Überall in der Stadt sieht man so sch…. Graffiti. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, ich bin außer mir vor Wut…. Vernissage, Finissages, ich kann es nicht mehr hören. …Wir wollen wenn überhaupt dann nur im Stillen protestieren, denn wir versuchen unter allen Umständen zu verhindern, dass dahergelaufene–

AS:

Dahergelaufene Striche?

Christian H:

Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Wir möchten nicht, dass dahergelaufene Kunstkenner uns eine künstlerische Botschaft unterstellen. So einfach ist das.

AS:

Wie kamen Sie auf den Begriff „Keine Kunst“. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber er erinnert stark an die Terminologie Kunst.

Christian H:

Nun, eine gewisse Wortverwandtschaft ist den beiden Begriffen anzumerken, da haben Sie recht. Der Begriff „Keine Kunst“ ist in einer intensiven Phase der Kreativ- und Ideenlosigkeit entstanden und richtete sich natürlich vorrangig gegen das Schubladendenken in willkürlichen Kategorien und gegen die Verbreitung künstlerischen Gedankenguts, welches eine Gefahr für die Struktur unserer Gesellschaft und nicht zuletzt eine Gefahr für den Bestand unserer Demokratie darstellt. Wir wollen nicht zulassen, dass die Grundpfeiler unserer Gesellschaft mit Graffiti besprüht und auf derartige Weise untermauert werden.

AS:

Ich danke für dieses Interview.


Die Last mit den Weihnachtsgeschenken

Alle Dezemberwochenenden laufen, seitdem ich denken kann, nach dem gleichen Schema ab: Vom 01. bis zum 24. des Monats steigt die Zahl der in Fußgängerzonen und Geschenkläden umherirrenden Individuen und deren Verzweiflung proportional an, während die Besinnlichkeit am Tag vor Weihnachten ihren Tiefpunkt erreicht hat. Wer dann noch nach dem perfekten Geschenk für die Liebsten, die Schwiegermütter, Verschwägerten, Verschwipschägerten etc. sucht, dem steht ganz deutlich die Phrase: „Ich hasse Weihnachten“ auf sämtlichen sichtbaren Körperteilen geschrieben.

Die Reziprozität ist die große Bürde, die auf dem Konzept „Weihnachten“ lastet und es in Anbetracht seiner ursprünglichen Idee eines Festes der Liebe zu einer Farce verkommen lässt. Eine Bereicherung für die Konsumindustrie, eine Nervenprobe für den Bürger.

Auch meine Eltern stellen sich seit Jahren der großen Herausforderung, meinen Großeltern sinnvolle Weihnachtsgeschenke zu machen und der damit einhergehenden Frage: „Womit kann man älteren Leuten, die nach eigener Bekundung schon alles haben, was sie brauchen, eine Freude bereiten?“

Dieses Jahr ist alles vermeintlich einfacher. Meine Oma hat tatsächlich einen Wunsch geäußert, nachdem sie an die 20 Jahre beteuerte, schon alles zu haben und nichts zu wollen.

Sie möchte einen neuen Kassettenspieler.

Da sag ich nur danke, liebe Oma, dass du uns bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken dieses Jahr so ungemein entgegenkommst.


WG Leben- Keine macht den Abwasch

… lautet eine Gruppe im bundesweiten sozialen Netzwerk studivz/ meinvz. „Ich habe erstmal ausreichend Erfahrung im Tellerstehenlassen gesammelt“, denkt sich Carsten, als er die letzte Ladung gewaschener Klamotten aus der Waschmaschine holt und auf den Dachboden zum Trocknen bringt. Während er die Fläche auf Wäscheleine und -ständer freischaufelt, lauscht er mit einem Ohr den Nochmitbewohnern beim Diskutieren, Lamentieren und Echauffieren:

WG Sitzung!

Eine Mitbewohnerin fühlt sich hintergangen, weil die anderen drei in einer konspirativen Zusammenkunft, die sie ausschloss, weil sie an diesem Wochenende zufällig bei ihren Eltern die Katze hüten musste, die Küche hellgelb und hellgrün gestrichen haben. Kirsten, die sich als Drahtzieherin dieser Aktion versteht, beteuert, dass es überhaupt nie geplant war, die Küche zu streichen, eigentlich sollte sie nur etwas umgestellt werden. Doch dann traten diese entsetzlichen Fettflecken zu Tage, die alle positiven Energien in dem Raum zu verschlingen drohten. Spontan beschlossen die Anwesenden, da die Küche sowieso eine einzige Baustelle war, noch mal schnell mit weißer Farbe grob über die Wände zu streichen, schließlich erhoffte man sich davon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

André ließ es sich auch hier nicht nehmen, seinen enormen Erfahrungsschatz zum Besten zu geben:

„Wenn wir die Wand mit reiner weißer Farbe streichen, wirkt die Küche matt und unfreundlich.“

Also einigten sich die drei auf einen leichten, fast unsichtbaren, jedoch glanzvollen Gelbstich. Während Kirsten und Carsten voller Elan den Inhalt der gelben Tube in den Eimer mit weißer Farbe quetschten, warteten sie vergeblich auf ein Stoppsignal von André. Die große Überraschung kam beim Umrühren. Das Farbergebnis: Gelb mit einem dezenten Weißstich.

Also klatschten sie die frisch angerührte Farbe auf zwei der Küchenwände. André schimpfte darüber, wie hässlich und kitschig dieses Gelb sei und dass der Raum nun jede Menge Licht fressen und noch kleiner als er sowieso schon ist wirken würde. Aus Mangel an weißer Farbe lautete der Kompromiss für die anderen Wände nun: ein frisches Apfelgrün.

Carsten lässt den leeren Wäschekorb auf dem Dachboden liegen und setzt sich in den Raum, in dem sich die Gewitterwolke breit macht. Entspannt schnappt er sich ein Glas und lässt sich Wein einschenken. Er sieht sich in dem Gemeinschaftsraum um, betrachtet jedes Einrichtungsdetail, versucht, es sich einzuprägen, damit er es noch im Rentenalter rekonstruieren kann, wenn er in Gegenwart seiner Enkelkinder von der alten Zeit schwärmen wird.

Nun dreht sich die Diskussion darum, dass Kirsten die Frechheit besessen hatte, ein mit australischen Giftquallen bedrucktes Seidentuch an eine Wand dieses Raumes zu hängen ohne Johanna, die Hintergangene, um Erlaubnis zu fragen. Die beiden männlichen Bewohner lehnen sich in ihren Stühlen zurück. Sie geben den Streithennen zu verstehen, dass das Anbringen und Umverteilen von Dekoartikeln in den heimischen 4 Wänden nicht in ihr Interessengebiet fällt und die Mädels sich nach Gutdünken austoben können.

„Ich weiß, dass du Angst vor Veränderungen hast“,

wirft Kirsten Johanna verständnisvoll vor,

„aber ich möchte, dass du dich in dieser WG einbringst, dass du etwas von dir selbst hineinsteckst.“

„Ich finde den Raum schön so wie er ist. Er ist praktisch und das genügt mir“, entgegnet die spindeldürre Johanna genervt. „Und mir gefällt dieses Tuch nicht, es macht den Raum dunkel, ich möchte, dass die Wände weiß bleiben.“

„Und mir gefällt die Tonvase nicht“, antwortet Carsten, wohl wissend, dass Johanna die Einzige ist, die diesem Plunder etwas abgewinnen kann.

„Die Vase bleibt“, giftet sie ihn daraufhin erbost an.

„Na gut, ich habe hier sowieso nichts mehr zu melden, ich ziehe ja aus“, beschwichtigt er sie und verspürt sogleich das Bedürfnis, ihr seine heimlichen Gedanken als Abschiedsgeschenk hinterherzuknallen:

„Gott sei dank!“


Goethe babbelt hessisch

Es ist gemeinhin bekannt, dass absolut niemand auf der Welt in absolut nichts perfekt ist. So viel zu der niederschmetternden Botschaft des Tages und nun zu der aufbauenden:

„Niemand ist perfekt und vor allem der Hesse nicht.“



Kurze Pflichtbelehrung an den Leser: 
Das Zitat ist urheberrechtlich geschützt gemäß § 2 des HsSB G (Hessen sind Spaßbremsen Gesetz)

So ist die Vorzeigefigur der deutschen Literaturgeschichte, das Allround-Genie schlechthin, von einem Schönheitsfehler der besonderen Art beseelt: Dem hessischen Akzent.

Das ultimative Beweisobjekt: Faust- Der Tragödie erster Teil, welches zusammen mit Faust- Der Tragödie Zweiter Teil als Johann Wolfgang von Goethes Hauptwerk gelten mag. Die Bemühungen des gebürtigen Frankfurters, einen schriftdeutschen, über die regionalen Grenzen hinaus verständlichen Schreibstil zu verfolgen, haben nicht immer zu einem fruchtbaren Ergebnis geführt.

Es steht außer Frage, dass Goethe im Falle der nachfolgend zitierten Verse auf die Konsultierung eines Reimlexikons gänzlich verzichtete:

„Ach neige,

Du Schmerzensreiche“  (Szene: Zwinger)

hessische Phonologie: „Ach neische, du Schmerzensreische“

Nicht auszudenken, wie Goethe reagiert hätte, wenn er sich der Tatsache bewusst gewesen wäre, dass er dem engelsgleichen Gretchen einen unreinen Reim in den Mund gelegt hatte. Wir können nur Mutmaßungen anstellen, im schlimmsten aller Fälle hätte er in Ermangelung eines Ersatzreimes die Veröffentlichung des Faust womöglich an den Nagel gehängt. Insofern ist die Tatsache, dass Goethe gebürtiger Hesse war, Makel und Segen zugleich. Also bitte, dass sich niemand mehr über den hessischen Dialekt echauffiert oder mokiert. Nicht zuletzt wird es der literaturbegeisterte Leser zu würdigen wissen, dass sich das Genie der enormen Herausforderung stellte, seinen außerordentlich reimfähigen Heim-Dialekt, der kaum harte Konsonanten kennt und sich so weich wie Butter ausspricht, zugunsten des störrischen und unverschämt reimarmen Standartdeutschen abzulegen.

Des Weiteren haben sich zweifelhafte grammatikalische Strukturen der hessischen Mundart in Faust 1 verewigt:

„Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;“  (Szene: Nacht)

Die Formulierung „als wie“ verleiht dem werkeigenen Aphorismus „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ (Szene: Prolog im Himmel) eine ganz neue Dimension. Sicherlich, ein poetischer Wert ist ihr nicht abzusprechen, das ändert jedoch nicht das Geringste daran, dass sie im hohen Maße grammatikalisch inkorrekt ist.

Natürlich müsste Faust lamentieren: „Und bin so klug wie zuvor.“, doch wie würde das auf den Leser wirken? Fad und gewöhnlich.

Apropos, um den Spekulationen bezüglich der höheren anthropologischen Bedeutung von Goethes letzten Worten „Mehr Licht“ ein Ende zu setzten:

Das Genie wollte nicht etwa der Nachwelt eine grandiose Lebensweisheit vermachen, sondern einfach nur zum Ausdruck bringen, dass ihm sein Allerwertester juckt. Er war zu schwach, um seinen letzten Satz bis zum Ende ausformulieren, der wie folgt lauten sollte:

„Määr licht hier so schläscht.“


There`s something about Amélie

Die Welt der Amélie Poulan ist allgegenwärtig. Sie steckt nicht nur in den Köpfen all derer Menschen, die den Kunstgriff des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, Gedanken und Fantasien einer in sich gekehrten, identitätssuchenden jungen Frau mit der gelebten Realität eines Pariser Viertels verschmelzen zu lassen, als Metapher ihrer eigenen Weltwahrnehmung verstehen. Ein Blick in das heimische Schreibwarengeschäft beweist: Auch im geringfügig pulsierenden Kleinstadtleben hat Amélies glanzvoll-kitschige Phantasiewelt Einzug  gehalten.

In stoischer Haltung bewacht die in dem Kassenschlager „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zum Leben erweckte Nachttischlampe das Tor zum Land der Träumer und hoffnungslosen Romantiker, während sie denjenigen Passanten, die nicht mehr an die kleinen alltäglichen Wunder glauben, die allzu geradlinig denken und realitätsbezogen sind, mit verspottender Hochnäsigkeit begegnet. Bin ich einer dieser Träumer? -Bejahendes Nicken.

Ich würde Herrn Schweinslampe gerne mitnehmen, damit er sich nicht weiter über diese penetrant realistischen Menschen ärgern muss. Ich kann förmlich spüren, wie er behutsam gegen die Fensterscheibe klopft, gerade so laut, dass ich es vernehmen kann, und mir zuflüstert:

„Du da, kleines Mädchen, trete ein und nimm mich mit.“

„Ich kann nicht, du bist mir zu teuer.“

Herr Schweinslampe wird sich daraufhin räuspern und mir eine Kolonie von Vorwürfen ins Gesicht donnern:

„Ich habe dich beobachtet, jeden Tag seitdem ich hier stehe und ich weiß genau, wer du bist und was du treibst. Du hast vergessen, wer wir sind.“

„Nein, das habe ich nicht, ganz bestimmt nicht.“ werde ich ihm empört entgegnen.

„So, meinst du…. Dann verrate mir: Wie oft hast du in letzter Zeit in Träumen schwelgend zum Himmel aufgeblickt? Wann hast du dich das letzte Mal in eine Menschenmasse gestellt, die Augen geschlossen und nichts als das Pochen deines Herzens und die wärmenden Sonnenstrahlen auf deiner Haut wahrgenommen? Wann hast du zuletzt deine Mitmenschen mit einem Lächeln angesteckt? Wie lange ist es her, dass du mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Tag begrüßt hast? „

„Lächerlich. Wozu soll das gut sein? Ich habe alles erreicht, wovon ich als Kind geträumt habe.“

„Du hast keine Träume mehr? Wofür lebst du dann?“

„Ich habe keine Zeit für solche Kindereien, ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen. Da bleibt das Träumen auf der Strecke.“

„Das Leben fängt im Kleinen an. Alles um dich herum lebt, spürst du das nicht? In jedem Wassertropfen steckt eine eigene Welt, jeder Grashalm erzählt seine Geschichte. Willst du es zulassen, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben verstummen?“

„Was weißt du schon vom Leben?“

„Naja, ich beobachte es jeden Tag durch diese Scheibe. Die Menschen scheinen nicht sehr glücklich zu sein, obwohl sie meinen, dass sie alles hätten. Sie setzten die falschen Prioritäten.“

„Du weißt nicht, was es bedeutet, zu leben. „

„Dann hol mich hier raus und lass mich an deinem Leben teilhaben.“

„Nein, das geht nicht.“

„Wieso denn nicht? „Wenn du so viel Geld besitzt wie du sagst, wieso kaufst du mich nicht und stellst mich neben dein Bett?““

„Weil ich das Geld schon anderweitig verplant habe.“

„Nein, nicht das Geld, sondern dein Leben hast du anderweitig verplant.“

„Mag sein, ich muss gehen, ich habe keine Zeit mehr.“

Ich kehre der Welt der Amélie erbost den Rücken zu. Während ich mich behutsam und mit lautlosen Schritten von dem Schreibwarenladen entferne realisiere ich, dass ich soeben von einem Schwein im Schlafmantel beleidigt wurde. Wutentbrannt stampfe ich durch die Fußgängerzone, als ich das Echo eines Schreies wahrnehme. „Wofür lebst du?!!“ Ich bleibe stehen und beobachte die Passanten, die meinen Weg kreuzen. Sie beachten mich nicht, sehen durch mich hindurch oder blicken mechanisch auf den Boden vor sich. Mein Entschluss steht fest- ich stelle Herrn Schweinslampe zur Rede. Als ich Sekunden später erneut vor dem Schaufenster stehe ist mein Widersacher verstummt und erstarrt. Sein unfreundlicher und hochnäsiger Blick lässt mich erkennen, dass dieses Objekt nur eine dämliche, überteuerte, aus massivem Kunststoff gefertigte Nachttischlampe ist.

Der Film „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ erzählt vom Träumen und vom Leben. Bevor die Protagonistin ihre Träume leben kann, muss sie zuerst ihr Leben träumen.

Jeunets Meisterwerk stellt das gängige Wertekonzept der westlichen Welt,  in dem Geld als höchstes erstrebenswertes Ziel und Motivationsgrundlage des Handelns gilt, in Frage, ohne jedoch ein Patentrezept für ein selbstbestimmtes und zugleich gesellschaftskonformes Leben mitzuliefern.

Amélies Traumwelt baut auf einem einfachen Konzept auf: Liebevoll neurotische, von Einzelschicksalen gebeutelte Träumer werden von ihr zurück ins Leben geschubst, während  egoistische, rücksichtslose, von Profitgier angetriebene Zeitgenossen wie der Gemüsehändler Collignon in ihre Schranken gewiesen werden.

Die Pariser Metrostation "Abbesses": Hier findet die erste Begegnung zwischen Amélie und Nino statt.

 

So sehr sie sich in das Leben ihrer Mitmenschen einmischt, so wenig ist sie gewillt, aus dem Ei ihrer hermetisch abgeriegelten Phantasiewelt zu schlüpfen. Als sie den verspielten, jedoch fest im Leben stehenden Nino kennenlernt, gerät sie in einen Entscheidungskonflikt: Nach halbherzigen Fluchtversuchen vor ihren Gefühlen für diesen Seelenverwandten ebnen ihr die ehemals von ihr liebkosten Mitmenschen den Weg ins Leben und- sie springt, lässt sich von ihren Instinkten leiten und kommt in ihrem Selbst an.

Der Zuschauer wird dort stehengelassen, wo Hollywoood-Liebesschulzen meist enden. Amélie nimmt ihn nicht an der Hand und führt ihn durch die Höhen und Tiefen des Daseins, sie lässt ihn am Uferrand verweilen und flüstert ihm einfühlsam und zugleich energetisch zu:

„Jetzt bist du an der Reihe: Spring!!!“

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Eindrucksvolle Zitate aus dem Film:
"Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar."
"Ohne dich wären die Gefühle von heute nur die leere Hülle der Gefühle von 
damals."
"Das Leben ist nichts anderes, als die endlose Probe einer Vorstellung, die 
niemals stattfindet."

 


What would Shakespeare say?

Manchmal brennt mir die Frage unter den Nägeln, was passieren würde, wenn berühmte Persönlichkeiten, die in der Zeit vor der Moderne wirkten, aus ihren verrotteten Gräbern auferstünden und einen Fuß auf die Erde setzten. Ich meine nicht, was mit uns passieren würde, denn wir würden ihre Präsenz höchstwahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, sondern mit diesen bedauernswürdigen anachronistischen Gestalten, die sich womöglich in einem anderen Universum wähnten.

Würden sie, nach dem überwundenen Kulturschock (sofern von Kultur überhaupt die Rede sein kann) glauben, dass die Welt aus den Rudern geraten wäre oder könnten sie mit Stolz behaupten, dass ihr Einfluss noch immer sichtbar sei und er die Welt in einen wertvolleren Lebensraum verwandelt habe?

Hält man sich die Standardaussage der meisten Senioren („Früher war alles besser.“) vor Augen, bleibt eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die untoten Tattergreise nur ein einziges gutes Haar an unserer Lebensform lassen würden.

Wie dem auch sei, eines weiß ich sicher: Shakespeare würde sich darüber freuen, dass seine plays noch heute auf den Theaterbühnen der Welt aufgeführt werden. Könnte ich einen Tag mit dem Genie verbringen, würde ich ihm ganz bestimmt, aus Rücksicht auf seine Blutdruckwerte, (oder was weiß ich, mit welchen Gebrechen Untote zu kämpfen haben) verheimlichen, dass Generationen von Schülern es als Qual empfinden, seine Werke zu lesen und zu interpretieren.

Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit einem verschmitzten Grinsen ankündigen:

„I`m gonna scare the hell out of you. Just watch what mankind has achieved.“

Ich werde über jeden Zweifel, dass er meine moderne amerikanische Gossensprache nicht versteht, erhaben sein und ihm die technischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften meiner Epoche näher bringen. Mit viel Glück entlocke ich ihm ein gefälliges Nicken.

Er wird mir viele Fragen über den Nutzen von Gesellschaftsstrukturen, politischen Systemen, elektrischen Geräten oder Gegenständen, die wie selbstverständlich Teil unserer Welt sind, stellen und ich werde mir die größte Mühe geben, sie zu seiner vollen Zufriedenheit zu beantworten. Mit jeder erörterten Frage wird meine Nervosität wachsen, da ich mir bewusst bin, dass sich nicht jedes Phänomen der modernen Welt hinreichend erklären lässt.

Und dann kommt sie, die niederschmetternde Frage…

Wir betreten eine bekannte Buchhandelskette und Shakespeare schmökert in seinen Werken, die er als Reklamausgabe in der Abteilung der literarischen Klassiker gefunden hat. Er hält einen Diskurs über die große Errungenschaft der Buchdruckkunst. Wir stellen uns an der Kasse an, vor uns warten Menschen, die Dekoartikel in Händen halten. Shakespeare wirft ihnen einen herablassenden Blick zu, und flüstert mir zu:

„I thought illiteracy isn`t an issue any more in the modern world.“

Ich zucke mit den Schultern und entgegne ihm:

„No, it isn`t. They know how to read, they just feel like decorating their homes.“

Shakespeare beweist Humor, indem er in schallendes Gelächter ausbricht. Als wir zur Kassiererin gebeten werden und das Literaturgenie es mir überlässt, die Gesamtwerkausgaben von 15 englischsprachigen Autoren zu bezahlen und ich ihm gerade verklickern will:

„You confuse me with somebody who has money.“

nimmt das Grauen seinen Lauf. Die hervorragend geschulte Angestellte wedelt mit einem Werbeprospekt vor unseren Nasen herum und erklärt uns mit einem unvergleichbaren Glänzen in ihren Augen, dass der e-Reader am darauffolgenden Montag exklusiv in dieser Buchhandelskette zu erwerben sei und ob wir schon einen vorbestellen wollen. Shakespeare erbleicht auf der Stelle. Um den Schein zu wahren, frage ich sie höflich, was es denn mit einem e-Reader auf sich habe.

„Der e-Reader, den es für den Spottpreis von 139 Euro zu kaufen gibt, ist ein digitales Buch mit Touchscreen, auf dem Sie komplette Bücher hochladen und lesen können.“

entgegnet es wie aus der Kanone geschossen. Ich frage, ob die Bücher kostenlos hochgeladen werden können. Sie antwortet, dass sie etwas billiger als die gedruckten Bücher seien. Ich verkneife mir einen Kommentar und bezahle die ausstehende Rechnung.

Beim Verlassen der Buchhandlung bemerke ich, wie sich der Brite verwirrt an der Schläfe kratzt. Die Situation ist nicht mehr zu kitten. Eine bedrohliche Enge liegt in der Luft, die mir die Kehle zuschnürt. Ich ringe nach Luft. Meiner Gesundheit zuliebe entschließe ich mich dazu, das Unvermeidbare zu beschleunigen.

„What is wrong?“

frage ich meinen Begleiter.

Er räuspert sich, sucht mit seinen durchdringenden Augen den Blickkontakt zu mir, während alles auf die eine niederschmetternde Frage hinausläuft:

„What on earth do you need an e-book for?“

Ich ringe nach Atem. Er insistiert:

„What kind of idiot would prefer such a thing to a printed book?“

Ich sacke in mir zusammen, in Sekundenschnelle verliere ich den Glauben an die Fortschrittlichkeit der Menschheit seit Erfindung des Buchdruckes, die Zuversicht darin, dass es für alles auf der Welt eine logisch nachvollziehbare Begründung gibt.

Ich ergebe mich der Paradoxie und Inkohärenz menschlichen Waltens auf Erden und antworte ihm als gebrochenes, desillusioniertes Menschenkind:

„I have not the slightest idea.“


Im Land des Halbschlafes

Heute Morgen stolperte ich über folgende Nachricht:

Leicht erheitert schoss mir der Spruch „Tagsüber bin ich müde, weil ich nachts ein Superheld bin.“ durch den Kopf. War das des Rätsels Lösung, sollte meine beschwerliche Suche nach dem Sinn des Lebens endlich ein Ende finden und ich den Kern meines menschlichen Seins erkannt haben? Natürlich, selbstverständlich, alles erschien auf einmal völlig plausibel und ich war davon überzeugt, dass obiger Brief der Schlüssel zum Tor des Universums und zur ultimativen Erkenntnis sei.

Mit verschwitzten Händen und völlig außer Atem fuchtelte ich in der Luft herum und versuchte, soeben entwickelte Gedanken symbolisch festzuhalten. Sie entglitten mir vor lauter Aufregung und so hielt ich mich an Gedankenfetzen fest, die ich umgehend zu Papier brachte:

Der Mensch, (oder bin es nur ich [das muss geklärt werden]) führt ein Doppelleben, die wahre Existenz des Menschen manifestiert sich in der Nacht, nur dann sind wir die, die wir in Wirklichkeit sind, sind, sind, oh… verdammt, das ist GROß^^

Ich griff nach meinem Asthmaspray, um der Angst, zu ersticken, entgegenzuwirken. Panisch schrie ich in das virtuelle Universum meiner Gedanken die Worte „Oh Gott, oh Gott, oh Gott“ hinein, sie hallten zurück und erreichten die Ohrmuschel meines Freundes, der mir genervt entgegnete:

„Ey, was soll das, was ist los mit dir?“

Ich zuckte zusammen, atmete tief ein und aus und antwortete ihm:

„Es ist nichts, leg dich wieder schlafen.“

Mein Gott, ich hatte gelogen, aber natürlich hatte ich gelogen, am Tage gab ich vor, der Mensch zu sein, den ich in der Nacht verachtete. Ich musste den Schein wahren und hatte es geschafft, mit kleinen ausgefeilten Lügen mir eine Existenz herbei zu erschwindeln, die ich mithilfe der gesellschaftlichen Schablone abgefertigt hatte. Ein Kunstwerk, ein Zaubertrick, oooohhhh, war ich gut.

Dann begann sich eine Paranoia auszubreiten und ich reflektierte über die Möglichkeiten, diesen Mann neben mir aus dem gesellschaftlichen Verkehr zu ziehen, falls er mein Doppelleben erkannt haben sollte und mich zu erpressen versuchte. Diese Gedanken führten zwangsläufig zu der Frage, ob nur ich diese Doppelmoral auslebte oder ob jeder^^^…. Ich traute mich nicht, die Frage auszuformulieren, denn ich wollte jemand Besonderes oder wenigstens eine von wenigen Superhelden auf der Welt sein.

Ob der Name `Lady Männerschreck` schon vergeben war? Als Alternativen kämen noch `Emanzipatorin` und `Mrs Kickballs` in Frage. Die Überlegungen zu meinem Superheldennamen wurden bald uninteressant und wichen den weitaus ergiebigeren Gedanken über das Design meines Kostüms. Zunächst einmal war zu klären, welche Farbe mein Superheldenkostüm haben sollte und ob es sinnvoll sei, Nagellack im gleichen Farbton aufzutragen? War ich nun eher der Herbsttyp oder der Frühlingstyp, welche Frisur würde mir stehen und sollte ich meine rosa Schlafbrille zur Maske umfunktionieren?

Ich verstrickte mich in Gedankengänge, die wohl kaum ein Mensch nachzuvollziehen imstande war und bald war ich so verwirrt, dass ich mir selbst in jedem zweiten Satz widersprach und erschöpft von dieser neu erlangten Weisheit in einen tiefen Schlaf verfiel.

Etliche Stunden später wurde ich unsanft von einem männlichen Geschöpf geweckt. Ich vernahm die ernst klingenden und betont langgezogenen Worte:

„Schaaaatz, wir müssen reden.“

Verschlafen entgegnete ich:

„Waas, wo bin ich?“

„Schaatz, ich mache das nicht mehr mit. Immer beharrst du darauf, dass ich bei dir im Bett schlafen soll. Für dich mag da ja schön kuschelig sein, aber du hast auch einen extrem tiefen Schlaf und erkämpfst dir mit allen Mitteln deinen Platz. Ich finde das aber nicht lustig. Du schnarchst mich voll und trittst und haust mich.“

Verlegen drehte ich mein Gesicht zur Wand und antwortete ihm kleinlaut:

„Es tut mir leid, aber ich kann mich an nichts erinnern.“