Archiv der Kategorie: Früher war alles besser

Das Märchen von der Liebe

Ein zermürbender Strom von Bildern, Impressionen, Geräuschen und Gerüchen fließt unaufhaltsam an meinem geistigen Auge vorbei, sobald ich deinen Namen ausspreche oder mit den Spitzen meiner Lippen forme. Er bettet die Gegenwart in einen Film der Bedeutungslosigkeit ein und spült sie mit sich hinfort. Was bleibt ist ein einziges Gefühl der Sehnsucht, die Zeit, das Leben zurückzuholen.

Du hast dich nicht bei mir verabschiedet, wohl wissend, dass ich nicht anders handeln könnte, als immer wieder zu dir zurückzukehren. Einmal tat ich es und als mich das Gefühl des reinen Glückes durchdrang, ich in deinem Park Saltos schlug und mir fest vornahm, für den Rest meines Lebens dort zu bleiben, da wusste ich, dass es für mich Zeit war zu gehen. Ich stieg in den Flieger ein und landete geradewegs in der nüchternen Realität.

Du bist ein Fremder in einer fremden Stadt. Erst verstehst du nichts, dann verstehst du alles und willst, dass es nie aufhört zu sein, wie es sich in diesen Momenten, in denen du in eine beliebige Rolle hineinschlüpfen kannst, anfühlt. Du passt nie ganz hinein in diese Welt, verschlingst gierig ihre Sahnehäubchen und hältst ihre Märchenkulisse aus Gerüchen, Farben, Lauten, Melodien für die höchste Form des Seins.

 

A random street in Valencia/Spain

Dann sonnt sich deine geheilte Seele im Schein der Existenz. Ein Märchen der Liebe, genährt von dem neuen, besseren, schweißtreibenden Wahnsinn. Alles ist stimmig, du bist eins mit der Welt, bis das Haltbarkeitsdatum abläuft und du feststellst, dass sich die Zeit nicht aufhalten lässt. Ein Intermezzo nur, ein kurzes Durchatmen und du bist derselbe, der du vorher warst, mit dem Unterschied, dass der Schmerz der Erinnerung dich lebendig macht und du beginnst, zu sein.


What would Shakespeare say?

Manchmal brennt mir die Frage unter den Nägeln, was passieren würde, wenn berühmte Persönlichkeiten, die in der Zeit vor der Moderne wirkten, aus ihren verrotteten Gräbern auferstünden und einen Fuß auf die Erde setzten. Ich meine nicht, was mit uns passieren würde, denn wir würden ihre Präsenz höchstwahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, sondern mit diesen bedauernswürdigen anachronistischen Gestalten, die sich womöglich in einem anderen Universum wähnten.

Würden sie, nach dem überwundenen Kulturschock (sofern von Kultur überhaupt die Rede sein kann) glauben, dass die Welt aus den Rudern geraten wäre oder könnten sie mit Stolz behaupten, dass ihr Einfluss noch immer sichtbar sei und er die Welt in einen wertvolleren Lebensraum verwandelt habe?

Hält man sich die Standardaussage der meisten Senioren („Früher war alles besser.“) vor Augen, bleibt eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die untoten Tattergreise nur ein einziges gutes Haar an unserer Lebensform lassen würden.

Wie dem auch sei, eines weiß ich sicher: Shakespeare würde sich darüber freuen, dass seine plays noch heute auf den Theaterbühnen der Welt aufgeführt werden. Könnte ich einen Tag mit dem Genie verbringen, würde ich ihm ganz bestimmt, aus Rücksicht auf seine Blutdruckwerte, (oder was weiß ich, mit welchen Gebrechen Untote zu kämpfen haben) verheimlichen, dass Generationen von Schülern es als Qual empfinden, seine Werke zu lesen und zu interpretieren.

Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit einem verschmitzten Grinsen ankündigen:

„I`m gonna scare the hell out of you. Just watch what mankind has achieved.“

Ich werde über jeden Zweifel, dass er meine moderne amerikanische Gossensprache nicht versteht, erhaben sein und ihm die technischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften meiner Epoche näher bringen. Mit viel Glück entlocke ich ihm ein gefälliges Nicken.

Er wird mir viele Fragen über den Nutzen von Gesellschaftsstrukturen, politischen Systemen, elektrischen Geräten oder Gegenständen, die wie selbstverständlich Teil unserer Welt sind, stellen und ich werde mir die größte Mühe geben, sie zu seiner vollen Zufriedenheit zu beantworten. Mit jeder erörterten Frage wird meine Nervosität wachsen, da ich mir bewusst bin, dass sich nicht jedes Phänomen der modernen Welt hinreichend erklären lässt.

Und dann kommt sie, die niederschmetternde Frage…

Wir betreten eine bekannte Buchhandelskette und Shakespeare schmökert in seinen Werken, die er als Reklamausgabe in der Abteilung der literarischen Klassiker gefunden hat. Er hält einen Diskurs über die große Errungenschaft der Buchdruckkunst. Wir stellen uns an der Kasse an, vor uns warten Menschen, die Dekoartikel in Händen halten. Shakespeare wirft ihnen einen herablassenden Blick zu, und flüstert mir zu:

„I thought illiteracy isn`t an issue any more in the modern world.“

Ich zucke mit den Schultern und entgegne ihm:

„No, it isn`t. They know how to read, they just feel like decorating their homes.“

Shakespeare beweist Humor, indem er in schallendes Gelächter ausbricht. Als wir zur Kassiererin gebeten werden und das Literaturgenie es mir überlässt, die Gesamtwerkausgaben von 15 englischsprachigen Autoren zu bezahlen und ich ihm gerade verklickern will:

„You confuse me with somebody who has money.“

nimmt das Grauen seinen Lauf. Die hervorragend geschulte Angestellte wedelt mit einem Werbeprospekt vor unseren Nasen herum und erklärt uns mit einem unvergleichbaren Glänzen in ihren Augen, dass der e-Reader am darauffolgenden Montag exklusiv in dieser Buchhandelskette zu erwerben sei und ob wir schon einen vorbestellen wollen. Shakespeare erbleicht auf der Stelle. Um den Schein zu wahren, frage ich sie höflich, was es denn mit einem e-Reader auf sich habe.

„Der e-Reader, den es für den Spottpreis von 139 Euro zu kaufen gibt, ist ein digitales Buch mit Touchscreen, auf dem Sie komplette Bücher hochladen und lesen können.“

entgegnet es wie aus der Kanone geschossen. Ich frage, ob die Bücher kostenlos hochgeladen werden können. Sie antwortet, dass sie etwas billiger als die gedruckten Bücher seien. Ich verkneife mir einen Kommentar und bezahle die ausstehende Rechnung.

Beim Verlassen der Buchhandlung bemerke ich, wie sich der Brite verwirrt an der Schläfe kratzt. Die Situation ist nicht mehr zu kitten. Eine bedrohliche Enge liegt in der Luft, die mir die Kehle zuschnürt. Ich ringe nach Luft. Meiner Gesundheit zuliebe entschließe ich mich dazu, das Unvermeidbare zu beschleunigen.

„What is wrong?“

frage ich meinen Begleiter.

Er räuspert sich, sucht mit seinen durchdringenden Augen den Blickkontakt zu mir, während alles auf die eine niederschmetternde Frage hinausläuft:

„What on earth do you need an e-book for?“

Ich ringe nach Atem. Er insistiert:

„What kind of idiot would prefer such a thing to a printed book?“

Ich sacke in mir zusammen, in Sekundenschnelle verliere ich den Glauben an die Fortschrittlichkeit der Menschheit seit Erfindung des Buchdruckes, die Zuversicht darin, dass es für alles auf der Welt eine logisch nachvollziehbare Begründung gibt.

Ich ergebe mich der Paradoxie und Inkohärenz menschlichen Waltens auf Erden und antworte ihm als gebrochenes, desillusioniertes Menschenkind:

„I have not the slightest idea.“


Das feiern ma!

Am kommenden Donnerstag muss die Welt – und Gott sowieso- für ein paar Stunden auf unser mittelhessisches Städtchen hinauf- bzw. hinabblicken, denn ein gigantisches Fest ist bei unsereins angesagt. Echt jetzt, mit Sektempfang, kleinen Häppchen und schicken Sonntagskostümen, denn- ^^drumroll^^ meine Großeltern feiern ihre Diamantene Hochzeit: 60 Jahre in einiger Zwietracht.

Da sitzen wir also, vorglühenderweise, in froher Erwartung der Partygesellschaft

… bestehend aus der Bürgermeisterin der Stadt und ihrem Gefolge, der heimischen Presse, sowie dem katholischen und evangelischen Pfarrer. Und während es Blitzlichter und Segenssprüche hagelt, werde ich belustigt über die Tatsache nachdenken, dass meine Großeltern von einem solchen Aufriss und von Besuch im Allgemeinen etwa ebenso viel halten wie die pressegeile Hotelerbin einer Luxuskette von einem eitrigen Pickel auf ihrer Nase.

Besonders hervorzuheben ist die Fortschrittlichkeit der katholischen  Kirche, ihren Senf, äh Segen zum Anlass dazuzugeben, nachdem sie weit über 50 Jahre die beleidigte Leberwurst gespielt und durch Abwesenheit geglänzt hatte (körperliche, nicht geistige).

Dies mag schon nachvollziehbar sein, denn schließlich hatte meine evangelische Oma damals wenig Lust gehabt, sich katholisch trauen zu lassen. So dackelte sie mit meinem katholischen Opa zum Priester, um sich die offizielle Erlaubnis für eine protestantische  Zeremonie einzuholen. Nachdem sich dieser erbarmt hatte, dem Wunsch meiner Großeltern nachzugeben, holte er sich das hoch und heilige Versprechen ein, dass alle aus der Ehe hervorgehenden Kinder katholisch getauft werden sollten. Was tat nun meine gewitzte Oma? Sie brachte die ersten beiden Kinder im evangelischen Krankenhaus zur Welt und ließ sie kurz nach der Geburt dort taufen. Keine Feier, kein Kuchen, Hauptsache nicht katholisch.

Einige Jahre später erschien der Priester bei meinen Großeltern, um seine Schäfchen zu sich zu holen. Alles was er erntete waren verzweifelte, weinerliche Kinderaugen, deren Träger im Duett „Wir wollen nicht katholisch werden!“ schrien.