WG Leben- Keine macht den Abwasch

… lautet eine Gruppe im bundesweiten sozialen Netzwerk studivz/ meinvz. „Ich habe erstmal ausreichend Erfahrung im Tellerstehenlassen gesammelt“, denkt sich Carsten, als er die letzte Ladung gewaschener Klamotten aus der Waschmaschine holt und auf den Dachboden zum Trocknen bringt. Während er die Fläche auf Wäscheleine und -ständer freischaufelt, lauscht er mit einem Ohr den Nochmitbewohnern beim Diskutieren, Lamentieren und Echauffieren:

WG Sitzung!

Eine Mitbewohnerin fühlt sich hintergangen, weil die anderen drei in einer konspirativen Zusammenkunft, die sie ausschloss, weil sie an diesem Wochenende zufällig bei ihren Eltern die Katze hüten musste, die Küche hellgelb und hellgrün gestrichen haben. Kirsten, die sich als Drahtzieherin dieser Aktion versteht, beteuert, dass es überhaupt nie geplant war, die Küche zu streichen, eigentlich sollte sie nur etwas umgestellt werden. Doch dann traten diese entsetzlichen Fettflecken zu Tage, die alle positiven Energien in dem Raum zu verschlingen drohten. Spontan beschlossen die Anwesenden, da die Küche sowieso eine einzige Baustelle war, noch mal schnell mit weißer Farbe grob über die Wände zu streichen, schließlich erhoffte man sich davon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

André ließ es sich auch hier nicht nehmen, seinen enormen Erfahrungsschatz zum Besten zu geben:

„Wenn wir die Wand mit reiner weißer Farbe streichen, wirkt die Küche matt und unfreundlich.“

Also einigten sich die drei auf einen leichten, fast unsichtbaren, jedoch glanzvollen Gelbstich. Während Kirsten und Carsten voller Elan den Inhalt der gelben Tube in den Eimer mit weißer Farbe quetschten, warteten sie vergeblich auf ein Stoppsignal von André. Die große Überraschung kam beim Umrühren. Das Farbergebnis: Gelb mit einem dezenten Weißstich.

Also klatschten sie die frisch angerührte Farbe auf zwei der Küchenwände. André schimpfte darüber, wie hässlich und kitschig dieses Gelb sei und dass der Raum nun jede Menge Licht fressen und noch kleiner als er sowieso schon ist wirken würde. Aus Mangel an weißer Farbe lautete der Kompromiss für die anderen Wände nun: ein frisches Apfelgrün.

Carsten lässt den leeren Wäschekorb auf dem Dachboden liegen und setzt sich in den Raum, in dem sich die Gewitterwolke breit macht. Entspannt schnappt er sich ein Glas und lässt sich Wein einschenken. Er sieht sich in dem Gemeinschaftsraum um, betrachtet jedes Einrichtungsdetail, versucht, es sich einzuprägen, damit er es noch im Rentenalter rekonstruieren kann, wenn er in Gegenwart seiner Enkelkinder von der alten Zeit schwärmen wird.

Nun dreht sich die Diskussion darum, dass Kirsten die Frechheit besessen hatte, ein mit australischen Giftquallen bedrucktes Seidentuch an eine Wand dieses Raumes zu hängen ohne Johanna, die Hintergangene, um Erlaubnis zu fragen. Die beiden männlichen Bewohner lehnen sich in ihren Stühlen zurück. Sie geben den Streithennen zu verstehen, dass das Anbringen und Umverteilen von Dekoartikeln in den heimischen 4 Wänden nicht in ihr Interessengebiet fällt und die Mädels sich nach Gutdünken austoben können.

„Ich weiß, dass du Angst vor Veränderungen hast“,

wirft Kirsten Johanna verständnisvoll vor,

„aber ich möchte, dass du dich in dieser WG einbringst, dass du etwas von dir selbst hineinsteckst.“

„Ich finde den Raum schön so wie er ist. Er ist praktisch und das genügt mir“, entgegnet die spindeldürre Johanna genervt. „Und mir gefällt dieses Tuch nicht, es macht den Raum dunkel, ich möchte, dass die Wände weiß bleiben.“

„Und mir gefällt die Tonvase nicht“, antwortet Carsten, wohl wissend, dass Johanna die Einzige ist, die diesem Plunder etwas abgewinnen kann.

„Die Vase bleibt“, giftet sie ihn daraufhin erbost an.

„Na gut, ich habe hier sowieso nichts mehr zu melden, ich ziehe ja aus“, beschwichtigt er sie und verspürt sogleich das Bedürfnis, ihr seine heimlichen Gedanken als Abschiedsgeschenk hinterherzuknallen:

„Gott sei dank!“


Wie bewirkt man einen Rausschmiss aus dem „sozialen“ Netzwerk Facebook? – Ein Selbstversuch (Teil 1)

Vor kurzem habe ich ein mehrtägiges, wenn nicht mehrwöchiges exklusives, d.h. nur an meiner Wenigkeit getestetes Experiment ins Leben gerufen, welches das eine große Ziel verfolgt: eine Zwangslöschung oder -sperrung meines Accounts bei Facebook.

Die Regeln sind simpel, die Umsetzung dürfte jedoch umso anspruchsvoller sein:

– Die Richtlinien der facebookinternen AGBs müssen zu jedem Zeitpunkt beachtet und befolgt werden, d.h. es dürfen keine expliziten Beleidigungen, Drohungen, pornographischen Inhalte etc. gepostet werden.

– Ich darf niemanden damit beauftragen, mich bei Facebook anzuschwärzen.

Anmerkung:

Sicherlich wird es eine heikle Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem werden, denn jeder Nutzer verpflichtet sich zum Beispiel dazu, wahre Angaben über seine Person zu machen. So könnte eine Namensänderung in ein Synonym schon als Verletzung der Nutzerbedingungen gewertet werden.

 

Was ich beweisen möchte:

Es geht mir in dem Selbstversuch darum, die Toleranz des Unternehmens durch die expressive Manifestation einer Meinung, die sich nicht mit den Interessen der Betreiber deckt, auszureizen. Ich möchte verdeutlichen, dass Facebook keinesfalls eine Plattform der freien Meinungsäußerung und -bildung ist, sondern eine Interessengemeinschaft, die auf ihre eigenen Vorteile (finanzieller Art) fixiert ist und deren Maßnahmen sich an der Grenze zur Illegalität bewegen.

In erster Linie ist das „soziale“ Netzwerk eine raffiniert verpackte Maschinerie, die persönliche Daten erfasst und kommerziell nutzt. Wer einmal den Nutzerbedingungen zugestimmt hat, kommt meist nicht ohne Schaden aus der Community wieder heraus. Facebook behält sich das Recht vor, die Daten bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzubewahren, denn sie sind die Währung, mit der das Unternehmen jährlich Milliardenumsätze erzielt.

Seit 2 Jahren gerät Facebook Inc immer mehr in den Fokus öffentlicher Kritik, die Mitgliederzahl nimmt dennoch stetig zu. Mittlerweile nutzen 500 Millionen Menschen das Soziale Netzwerk regelmäßig, das ist mehr als die Einwohnerzahl Südamerikas und macht ca 7.24 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Es wird Zeit, den Blick für die Gefahren zu schärfen, die web-basierte soziale Netzwerke mit sich bringen können (nicht jedoch müssen, denn ich möchte ausdrücklich nicht alle Communities anprangern) und die Privatsphäre als ein Privileg der modernen Welt zu schätzen, anstatt sie leichtfertig zu verspielen.

 

1. Tag:

Ich knüpfe an die Problematik der vor wenigen Tagen publik gewordenen kurzzeitigen Zwangszensur des Wortes Lamebook durch Facebook an,  hier detaillierter nachzulesen, und mache von meiner Meinungsfreiheit, die Facebook angeblich so groß schreibt, Gebrauch.

Am 24. November 2010 gegen 16.00 Uhr habe ich folgende, durch rote Umkreisungen gekennzeichnete Änderungen an meinem Profil vorgenommen:

Ich habe meinen Benutzernamen in „Lame Book“ umgeändert und sowohl auf meiner Pinnwand als auf in dem linken oberen Kästchen, welches die momentane Aktivität beschreibt, den Kommentar „Lamebook“ gepostet.

Reaktion von Facebook: bisher keine.

 

 

Erläuterung:

Lamebook ist ein Parodieblog, das lustige Dialoge, Fotos, Statusmeldungen etc. aus der Facebook Community aufgreift und zur Diskussion stellt. Die Seite existiert seit April 2009 und befindet sich seit kurzem im Rechtsstreit mit Facebook Inc.

 

 

Exkurs:

 

Was Facebook und Co so attraktiv macht:

Facebook ist aus dem Leben vieler, vor allem junger Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Laut Angaben des Betreibers greifen rund die Hälfte der insgesamt 500 Millionen aktiven Nutzer täglich auf ihren Account zu. Das soziale Leben vieler Mitglieder verlagert sich somit zunehmend ins zentralisierte, übersichtlich strukturierte Web 2.0, in dem jeder Akteur die Person darstellen kann, die er immer schon zu sein hoffte und seine Freunde und Liebsten in unmittelbarer Nähe wähnt, während Unangenehmes ausgegrenzt bzw. blockiert wird. Es wird eine multimediale, utopische Pseudorealität geschaffen, in der Fiktives und Reales so stark miteinander verschmelzen, dass der User Erfahrungswerte im Web mit denen des gesellschaftlichen Lebens gleichsetzt. Anders gesagt: Die Interaktionen im Netzwerk ersetzen diejenigen des alltäglichen Lebens und lassen den Nutzer vergessen, dass er de facto nur am Schreibtisch sitzt und sich von der Außenwelt abschottet, anstatt an ihr teilzuhaben.

Ein ähnliches Phänomen ist bei Multiplayer-Online-Rollenspielen oder den längst überholten Chaträumen festzustellen, mit dem Unterschied, dass die Strategie von Facebook Inc darin besteht, den Menschen in einer familiären und vermeintlich privaten Atmosphäre so viele persönliche Daten wie möglich zu entlocken; d. h. hier wird mit der Ressource „Mensch“ Handel betrieben. Tatsächlich lässt sich der Nutzer bedenkenlos kommerziell ausschlachten, legt im Netz einen Daten- und Seelenstriptease ohnegleichen hin, während er bei Familienfesten lächelnderweise die Contenance bewahrt und sich in das bestmögliche Licht rückt.

Sicherlich, auch das Web 2.0 ist eine Bühne der Eitelkeit, der Selbstinszenierung, in der jeder hinzugefügte Kontakt der Aufwertung der eigenen Person dient, jedes hochgeladene Foto als Beweisobjekt eines erfüllten und bewegten Lebens fungiert und nicht alles für bare Münze genommen werden kann und darf. Zugleich ist es aber auch ein Kummerkasten, eine Projektionsfläche der eigenen Gedanken, Stimmungen und Ängste, die im realen Leben unausgesprochen bleiben, da sie dem gesellschaftlichen Konsens nicht entsprechen und als Schwäche gewertet würden.

Bei Facebook und Co sind solche intimen Ergüsse jedoch mehr als erwünscht und führen keineswegs zu Ablehnung. Im Gegenteil: Der Einzelne wird für die Offenheit, mit der er über seine Sorgen spricht, bewundert und mit Verständnis und Trost belohnt. Es entsteht eine vermeintliche Intimität und Vertrautheit, die außerhalb des Webs nur in privaten Gespräche unter sehr vertrauten Menschen zu erzielen ist. Eine Illusion, denn der Nutzer kreiert sich seine eigene heile Welt, die viel Raum für Phantasie und Eigeninterpretation lässt. Eine Konversation via Facebook-Nachrichtendienst oder -Chat zum Beispiel kann niemals eine Face-to-face-Kommunikation ersetzen, denn Mimik, Gestik und Intonation sind elementare Hilfsmittel, um eine eindeutige Botschaft zu vermitteln.

Auch bestimmt der Aspekt der Selbstinszenierung wesentlich die Interaktion im sozialen Netzwerk. Wer einen Kommentar auf die Pinnwand eines Freundes postet, der ist erstens auf Reziprozität bedacht, indem er erwartet, dass er eine Antwort in Form eines Eintrags auf der eigenen Seite erhält (was wiederum sein Profil aufwertet) und möchte zweitens mit dem Geschriebenen auf sich aufmerksam machen, d.h. möglichst viele interessante Details über sich implizit oder explizit preisgeben. Dies kann durch inhaltliche Anmerkungen geschehen (z.B. „Du warst im Skiurlaub? Ich fahre auch regelmäßig ins Skigebiet Ischgl!“) oder, indem Mitgefühl, Mitfreude etc. zum Ausdruck gebracht und somit die enge Bindung zwischen beiden Personen demonstriert wird. („Du bist krank? Oh, das tut mir leid, du Arme. Fühl dich gedrückt.“)

Jeder User möchte also ein möglichst günstiges Feedback erhalten und erreicht dies, indem er sich an dem simplen Belohnungssystem, auf dem soziale Netzwerke aufbauen, orientiert: Je aktiver er den angebotenen Service (Pinnwandeinträge, Nachrichtendienst, Chatdienst, Verlinkungssystem, um nur einige aufzuzählen) nutzt, umso mehr Kommunikationsverkehr wird sich in Bezug auf die eigene Profilseite einstellen. Er kann also nie enttäuscht werden, denn das Maß an erhaltener Bestätigung hängt von seinem eigenen Handeln ab. Somit ist die Cyberrealität um ein vielfaches übersichtlicher, gerechter und vorhersehbarer als die gesellschaftliche Interaktion es je sein kann.

 

Die Kehrseite der Medaille:

Die sozialen Netzwerke bedienen das Bedürfnis jedes Einzelnen nach Intimität, Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit und sozialen bzw. seelischen Kuscheleinheiten, doch warum und um welchen Preis?

Ist die fehlende Menschlichkeit und die Auflösung der sozialen Strukturen in der Welt die Basis, auf der Internet Communities wie Facebook zu einem weltweiten Massenphänomen wurden? Fehlt es den Menschen an Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft selbst zu verwirklichen und als Individuum zu behaupten?

Offenbar hat Facebook Inc, welches das erste soziale Netzwerk des sogenannten Web 2.0 entwickelte, eine Marktlücke entdeckt und gnadenlos ausgeschöpft. Das Suchtpotential solcher Communities ist hoch und nicht zu verachten. Hat der Nutzer einmal das Belohnungssystem verstanden und an ihm Gefallen gefunden, verlangt es ihn nach der täglichen Dosis Selbstbestätigung, um deren Willen er freizügig und fahrlässig mit seinen Daten umgeht.

Mark Zuckerberg, der Begründer des gigantischen Online-Netzwerks, konstatierte Anfang des Jahres, dass das Konzept „Privatsphäre“ im Facebook-Zeitalter überholt sei (hier nachzulesen). Eine Rechtfertigung für die Lockerung der Privatsphäreeinstellungen, die er Ende 2009 vornahm? Weitere Änderungen folgten.

Der Protest von Seiten der Nutzer ist bedingt vorhanden, leistet jedoch der Mitgliederzahl keinen Abbruch:

Offenbar toleriert man den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, denn er scheint das kleinere Übel zu sein gegenüber dem Austritt aus dem Netzwerk. Schließlich will man nicht zerstören, was man sich mühevoll über die Jahre hinweg aufgebaut hat, könnte man doch am Ende all die lieb gewonnen Freunde aus den Augen verlieren.

 

 

Ausblick auf Teil 2:

– Wieso sollte es Facebook interessieren, was ich als Einzelner auf meine Pinnwand poste?

– Wo bitteschön ist der Knopf zur Löschung meines Accounts versteckt und gibt es eine zeitsparendere Alternative?

– Wen hat Facebook eigentlich noch verklagt?

 


Last 7 Days

Die letzten Überbleibsel der 3. Jahreszeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was kommt, was bleibt?

 

 

 

Johanneskirche in Gießen in ein Lichtermeer getaucht

 

 

Baufälliges Gebäude in Gießens Zentrum

Baufälliges Gebäude in Gießens Zentrum


Ein Stück Vergangenheit

Der Keller:

Ein lebloser, dunkler und etwas gruseliger Ort, scheinbar abgetrennt von der Außenwelt, dem Rhythmus des Lebens. Ein schwarzes Loch im Labyrinth der Zeit. Hier verschwinden Gegenstände, die keiner will oder braucht, hier werden Erinnerungen vergraben, die zu hässlich sind, um sie mit sich herumzuschleppen oder so schön sind, dass ihre alltägliche Präsenz zu starke Sehnsüchte wecken würde.

Und manchmal liegen im Keller auch die Schicksale fremder, mitunter lange verstorbener Menschen verborgen. Dann verwandelt er sich in einen Ort, an dem die Vergangenheit aus den Geschichtsbüchern heraustritt und beginnt, real zu werden. Wir verbeugen uns ehrfürchtig vor dem Leben, der Zeit, entsetzen uns über das Maß an Grausamkeit, das Menschen einander zufügen können, beteuern, dass sich dieses graue Kapitel der deutschen Geschichte nie wiederholen wird, so inbrünstig, dass wir beginnen, unsere eigene Lüge zu glauben, und fassen am nächsten Tag den Entschluss, unsere Erinnerungsstücke künftig nur noch auf dem Dachboden zu lagern.

 

Kellerraum im Mehrfamilienhaus

 


Goethe babbelt hessisch

Es ist gemeinhin bekannt, dass absolut niemand auf der Welt in absolut nichts perfekt ist. So viel zu der niederschmetternden Botschaft des Tages und nun zu der aufbauenden:

„Niemand ist perfekt und vor allem der Hesse nicht.“



Kurze Pflichtbelehrung an den Leser: 
Das Zitat ist urheberrechtlich geschützt gemäß § 2 des HsSB G (Hessen sind Spaßbremsen Gesetz)

So ist die Vorzeigefigur der deutschen Literaturgeschichte, das Allround-Genie schlechthin, von einem Schönheitsfehler der besonderen Art beseelt: Dem hessischen Akzent.

Das ultimative Beweisobjekt: Faust- Der Tragödie erster Teil, welches zusammen mit Faust- Der Tragödie Zweiter Teil als Johann Wolfgang von Goethes Hauptwerk gelten mag. Die Bemühungen des gebürtigen Frankfurters, einen schriftdeutschen, über die regionalen Grenzen hinaus verständlichen Schreibstil zu verfolgen, haben nicht immer zu einem fruchtbaren Ergebnis geführt.

Es steht außer Frage, dass Goethe im Falle der nachfolgend zitierten Verse auf die Konsultierung eines Reimlexikons gänzlich verzichtete:

„Ach neige,

Du Schmerzensreiche“  (Szene: Zwinger)

hessische Phonologie: „Ach neische, du Schmerzensreische“

Nicht auszudenken, wie Goethe reagiert hätte, wenn er sich der Tatsache bewusst gewesen wäre, dass er dem engelsgleichen Gretchen einen unreinen Reim in den Mund gelegt hatte. Wir können nur Mutmaßungen anstellen, im schlimmsten aller Fälle hätte er in Ermangelung eines Ersatzreimes die Veröffentlichung des Faust womöglich an den Nagel gehängt. Insofern ist die Tatsache, dass Goethe gebürtiger Hesse war, Makel und Segen zugleich. Also bitte, dass sich niemand mehr über den hessischen Dialekt echauffiert oder mokiert. Nicht zuletzt wird es der literaturbegeisterte Leser zu würdigen wissen, dass sich das Genie der enormen Herausforderung stellte, seinen außerordentlich reimfähigen Heim-Dialekt, der kaum harte Konsonanten kennt und sich so weich wie Butter ausspricht, zugunsten des störrischen und unverschämt reimarmen Standartdeutschen abzulegen.

Des Weiteren haben sich zweifelhafte grammatikalische Strukturen der hessischen Mundart in Faust 1 verewigt:

„Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;“  (Szene: Nacht)

Die Formulierung „als wie“ verleiht dem werkeigenen Aphorismus „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ (Szene: Prolog im Himmel) eine ganz neue Dimension. Sicherlich, ein poetischer Wert ist ihr nicht abzusprechen, das ändert jedoch nicht das Geringste daran, dass sie im hohen Maße grammatikalisch inkorrekt ist.

Natürlich müsste Faust lamentieren: „Und bin so klug wie zuvor.“, doch wie würde das auf den Leser wirken? Fad und gewöhnlich.

Apropos, um den Spekulationen bezüglich der höheren anthropologischen Bedeutung von Goethes letzten Worten „Mehr Licht“ ein Ende zu setzten:

Das Genie wollte nicht etwa der Nachwelt eine grandiose Lebensweisheit vermachen, sondern einfach nur zum Ausdruck bringen, dass ihm sein Allerwertester juckt. Er war zu schwach, um seinen letzten Satz bis zum Ende ausformulieren, der wie folgt lauten sollte:

„Määr licht hier so schläscht.“


Scream the rain away!

„Der Schrei“ von Edvard Munch
Werdegang:
- 1 Mal geklaut
- 1 Mal mit dem Messer attackiert

Standort:
Munch-museet Oslo

                                          ©introspektrum

"Der untote Schrei"

Werdegang:
- NOCH nicht geklaut, ABER 1 Mal verlegt
- 0 Mal mit dem Messer attackiert, ABER von der Kaffeetasse gemobbt
- 1 Eselsohr, das zweite ist in Arbeit

Standort:
Unter Brotkrümeln auf meinem Schreibtisch

There`s something about Amélie

Die Welt der Amélie Poulan ist allgegenwärtig. Sie steckt nicht nur in den Köpfen all derer Menschen, die den Kunstgriff des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, Gedanken und Fantasien einer in sich gekehrten, identitätssuchenden jungen Frau mit der gelebten Realität eines Pariser Viertels verschmelzen zu lassen, als Metapher ihrer eigenen Weltwahrnehmung verstehen. Ein Blick in das heimische Schreibwarengeschäft beweist: Auch im geringfügig pulsierenden Kleinstadtleben hat Amélies glanzvoll-kitschige Phantasiewelt Einzug  gehalten.

In stoischer Haltung bewacht die in dem Kassenschlager „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zum Leben erweckte Nachttischlampe das Tor zum Land der Träumer und hoffnungslosen Romantiker, während sie denjenigen Passanten, die nicht mehr an die kleinen alltäglichen Wunder glauben, die allzu geradlinig denken und realitätsbezogen sind, mit verspottender Hochnäsigkeit begegnet. Bin ich einer dieser Träumer? -Bejahendes Nicken.

Ich würde Herrn Schweinslampe gerne mitnehmen, damit er sich nicht weiter über diese penetrant realistischen Menschen ärgern muss. Ich kann förmlich spüren, wie er behutsam gegen die Fensterscheibe klopft, gerade so laut, dass ich es vernehmen kann, und mir zuflüstert:

„Du da, kleines Mädchen, trete ein und nimm mich mit.“

„Ich kann nicht, du bist mir zu teuer.“

Herr Schweinslampe wird sich daraufhin räuspern und mir eine Kolonie von Vorwürfen ins Gesicht donnern:

„Ich habe dich beobachtet, jeden Tag seitdem ich hier stehe und ich weiß genau, wer du bist und was du treibst. Du hast vergessen, wer wir sind.“

„Nein, das habe ich nicht, ganz bestimmt nicht.“ werde ich ihm empört entgegnen.

„So, meinst du…. Dann verrate mir: Wie oft hast du in letzter Zeit in Träumen schwelgend zum Himmel aufgeblickt? Wann hast du dich das letzte Mal in eine Menschenmasse gestellt, die Augen geschlossen und nichts als das Pochen deines Herzens und die wärmenden Sonnenstrahlen auf deiner Haut wahrgenommen? Wann hast du zuletzt deine Mitmenschen mit einem Lächeln angesteckt? Wie lange ist es her, dass du mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Tag begrüßt hast? „

„Lächerlich. Wozu soll das gut sein? Ich habe alles erreicht, wovon ich als Kind geträumt habe.“

„Du hast keine Träume mehr? Wofür lebst du dann?“

„Ich habe keine Zeit für solche Kindereien, ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen. Da bleibt das Träumen auf der Strecke.“

„Das Leben fängt im Kleinen an. Alles um dich herum lebt, spürst du das nicht? In jedem Wassertropfen steckt eine eigene Welt, jeder Grashalm erzählt seine Geschichte. Willst du es zulassen, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben verstummen?“

„Was weißt du schon vom Leben?“

„Naja, ich beobachte es jeden Tag durch diese Scheibe. Die Menschen scheinen nicht sehr glücklich zu sein, obwohl sie meinen, dass sie alles hätten. Sie setzten die falschen Prioritäten.“

„Du weißt nicht, was es bedeutet, zu leben. „

„Dann hol mich hier raus und lass mich an deinem Leben teilhaben.“

„Nein, das geht nicht.“

„Wieso denn nicht? „Wenn du so viel Geld besitzt wie du sagst, wieso kaufst du mich nicht und stellst mich neben dein Bett?““

„Weil ich das Geld schon anderweitig verplant habe.“

„Nein, nicht das Geld, sondern dein Leben hast du anderweitig verplant.“

„Mag sein, ich muss gehen, ich habe keine Zeit mehr.“

Ich kehre der Welt der Amélie erbost den Rücken zu. Während ich mich behutsam und mit lautlosen Schritten von dem Schreibwarenladen entferne realisiere ich, dass ich soeben von einem Schwein im Schlafmantel beleidigt wurde. Wutentbrannt stampfe ich durch die Fußgängerzone, als ich das Echo eines Schreies wahrnehme. „Wofür lebst du?!!“ Ich bleibe stehen und beobachte die Passanten, die meinen Weg kreuzen. Sie beachten mich nicht, sehen durch mich hindurch oder blicken mechanisch auf den Boden vor sich. Mein Entschluss steht fest- ich stelle Herrn Schweinslampe zur Rede. Als ich Sekunden später erneut vor dem Schaufenster stehe ist mein Widersacher verstummt und erstarrt. Sein unfreundlicher und hochnäsiger Blick lässt mich erkennen, dass dieses Objekt nur eine dämliche, überteuerte, aus massivem Kunststoff gefertigte Nachttischlampe ist.

Der Film „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ erzählt vom Träumen und vom Leben. Bevor die Protagonistin ihre Träume leben kann, muss sie zuerst ihr Leben träumen.

Jeunets Meisterwerk stellt das gängige Wertekonzept der westlichen Welt,  in dem Geld als höchstes erstrebenswertes Ziel und Motivationsgrundlage des Handelns gilt, in Frage, ohne jedoch ein Patentrezept für ein selbstbestimmtes und zugleich gesellschaftskonformes Leben mitzuliefern.

Amélies Traumwelt baut auf einem einfachen Konzept auf: Liebevoll neurotische, von Einzelschicksalen gebeutelte Träumer werden von ihr zurück ins Leben geschubst, während  egoistische, rücksichtslose, von Profitgier angetriebene Zeitgenossen wie der Gemüsehändler Collignon in ihre Schranken gewiesen werden.

Die Pariser Metrostation "Abbesses": Hier findet die erste Begegnung zwischen Amélie und Nino statt.

 

So sehr sie sich in das Leben ihrer Mitmenschen einmischt, so wenig ist sie gewillt, aus dem Ei ihrer hermetisch abgeriegelten Phantasiewelt zu schlüpfen. Als sie den verspielten, jedoch fest im Leben stehenden Nino kennenlernt, gerät sie in einen Entscheidungskonflikt: Nach halbherzigen Fluchtversuchen vor ihren Gefühlen für diesen Seelenverwandten ebnen ihr die ehemals von ihr liebkosten Mitmenschen den Weg ins Leben und- sie springt, lässt sich von ihren Instinkten leiten und kommt in ihrem Selbst an.

Der Zuschauer wird dort stehengelassen, wo Hollywoood-Liebesschulzen meist enden. Amélie nimmt ihn nicht an der Hand und führt ihn durch die Höhen und Tiefen des Daseins, sie lässt ihn am Uferrand verweilen und flüstert ihm einfühlsam und zugleich energetisch zu:

„Jetzt bist du an der Reihe: Spring!!!“

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Eindrucksvolle Zitate aus dem Film:
"Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar."
"Ohne dich wären die Gefühle von heute nur die leere Hülle der Gefühle von 
damals."
"Das Leben ist nichts anderes, als die endlose Probe einer Vorstellung, die 
niemals stattfindet."

 


What would Shakespeare say?

Manchmal brennt mir die Frage unter den Nägeln, was passieren würde, wenn berühmte Persönlichkeiten, die in der Zeit vor der Moderne wirkten, aus ihren verrotteten Gräbern auferstünden und einen Fuß auf die Erde setzten. Ich meine nicht, was mit uns passieren würde, denn wir würden ihre Präsenz höchstwahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, sondern mit diesen bedauernswürdigen anachronistischen Gestalten, die sich womöglich in einem anderen Universum wähnten.

Würden sie, nach dem überwundenen Kulturschock (sofern von Kultur überhaupt die Rede sein kann) glauben, dass die Welt aus den Rudern geraten wäre oder könnten sie mit Stolz behaupten, dass ihr Einfluss noch immer sichtbar sei und er die Welt in einen wertvolleren Lebensraum verwandelt habe?

Hält man sich die Standardaussage der meisten Senioren („Früher war alles besser.“) vor Augen, bleibt eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die untoten Tattergreise nur ein einziges gutes Haar an unserer Lebensform lassen würden.

Wie dem auch sei, eines weiß ich sicher: Shakespeare würde sich darüber freuen, dass seine plays noch heute auf den Theaterbühnen der Welt aufgeführt werden. Könnte ich einen Tag mit dem Genie verbringen, würde ich ihm ganz bestimmt, aus Rücksicht auf seine Blutdruckwerte, (oder was weiß ich, mit welchen Gebrechen Untote zu kämpfen haben) verheimlichen, dass Generationen von Schülern es als Qual empfinden, seine Werke zu lesen und zu interpretieren.

Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit einem verschmitzten Grinsen ankündigen:

„I`m gonna scare the hell out of you. Just watch what mankind has achieved.“

Ich werde über jeden Zweifel, dass er meine moderne amerikanische Gossensprache nicht versteht, erhaben sein und ihm die technischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften meiner Epoche näher bringen. Mit viel Glück entlocke ich ihm ein gefälliges Nicken.

Er wird mir viele Fragen über den Nutzen von Gesellschaftsstrukturen, politischen Systemen, elektrischen Geräten oder Gegenständen, die wie selbstverständlich Teil unserer Welt sind, stellen und ich werde mir die größte Mühe geben, sie zu seiner vollen Zufriedenheit zu beantworten. Mit jeder erörterten Frage wird meine Nervosität wachsen, da ich mir bewusst bin, dass sich nicht jedes Phänomen der modernen Welt hinreichend erklären lässt.

Und dann kommt sie, die niederschmetternde Frage…

Wir betreten eine bekannte Buchhandelskette und Shakespeare schmökert in seinen Werken, die er als Reklamausgabe in der Abteilung der literarischen Klassiker gefunden hat. Er hält einen Diskurs über die große Errungenschaft der Buchdruckkunst. Wir stellen uns an der Kasse an, vor uns warten Menschen, die Dekoartikel in Händen halten. Shakespeare wirft ihnen einen herablassenden Blick zu, und flüstert mir zu:

„I thought illiteracy isn`t an issue any more in the modern world.“

Ich zucke mit den Schultern und entgegne ihm:

„No, it isn`t. They know how to read, they just feel like decorating their homes.“

Shakespeare beweist Humor, indem er in schallendes Gelächter ausbricht. Als wir zur Kassiererin gebeten werden und das Literaturgenie es mir überlässt, die Gesamtwerkausgaben von 15 englischsprachigen Autoren zu bezahlen und ich ihm gerade verklickern will:

„You confuse me with somebody who has money.“

nimmt das Grauen seinen Lauf. Die hervorragend geschulte Angestellte wedelt mit einem Werbeprospekt vor unseren Nasen herum und erklärt uns mit einem unvergleichbaren Glänzen in ihren Augen, dass der e-Reader am darauffolgenden Montag exklusiv in dieser Buchhandelskette zu erwerben sei und ob wir schon einen vorbestellen wollen. Shakespeare erbleicht auf der Stelle. Um den Schein zu wahren, frage ich sie höflich, was es denn mit einem e-Reader auf sich habe.

„Der e-Reader, den es für den Spottpreis von 139 Euro zu kaufen gibt, ist ein digitales Buch mit Touchscreen, auf dem Sie komplette Bücher hochladen und lesen können.“

entgegnet es wie aus der Kanone geschossen. Ich frage, ob die Bücher kostenlos hochgeladen werden können. Sie antwortet, dass sie etwas billiger als die gedruckten Bücher seien. Ich verkneife mir einen Kommentar und bezahle die ausstehende Rechnung.

Beim Verlassen der Buchhandlung bemerke ich, wie sich der Brite verwirrt an der Schläfe kratzt. Die Situation ist nicht mehr zu kitten. Eine bedrohliche Enge liegt in der Luft, die mir die Kehle zuschnürt. Ich ringe nach Luft. Meiner Gesundheit zuliebe entschließe ich mich dazu, das Unvermeidbare zu beschleunigen.

„What is wrong?“

frage ich meinen Begleiter.

Er räuspert sich, sucht mit seinen durchdringenden Augen den Blickkontakt zu mir, während alles auf die eine niederschmetternde Frage hinausläuft:

„What on earth do you need an e-book for?“

Ich ringe nach Atem. Er insistiert:

„What kind of idiot would prefer such a thing to a printed book?“

Ich sacke in mir zusammen, in Sekundenschnelle verliere ich den Glauben an die Fortschrittlichkeit der Menschheit seit Erfindung des Buchdruckes, die Zuversicht darin, dass es für alles auf der Welt eine logisch nachvollziehbare Begründung gibt.

Ich ergebe mich der Paradoxie und Inkohärenz menschlichen Waltens auf Erden und antworte ihm als gebrochenes, desillusioniertes Menschenkind:

„I have not the slightest idea.“


Indian Summer in the City

 

Selten habe ich so viel Gefallen an dem Farbenspiel des Herbstes gefunden wie in diesem Jahr.

Let it fall, let it fall, let it fall, lalala…

 

 

 


Nichts als Kunst

Meine Damen und Herren,

ich will Ihnen nichts vormachen, auch ich muss meine Schokocroissants verdienen. Im Folgenden erhalten Sie exklusiven Einblick in mein künstlerisches Schaffen. Vor kurzem, also besser gesagt gestern Abend, habe ich begonnen, mich einer neuen Kunstreihe mit der übergeordneten Thematik „Kunst = Idee – x“ zu widmen. Das erste Öl-Gemälde ist fertig gestellt. Es trägt den Titel:

„Idee auf Leinwand“

 

 

"Idee auf Leinwand" / Öl auf Leinwand

 

Obiges Kunstwerk vereint Elemente der neo-experimentellen und der post-postmodernen Kunstströmung. Die Botschaft ist kurz und prägnant. Die Kontrastfarben weiß und schwarz sind mit Bedacht gewählt und stark symbolträchtig. Das Schwalbenweiß repräsentiert das Licht und die Idee, während das Schwarz die Monotonie, die Tristesse sowie die Ideenarmut des deutschen Beamtentums in romantischer Verklärung zum Ausdruck bringt. Die Idee des Bildes ist die Idee an sich. Als solche ist sie omnipräsent und synästhetisch.

 

Ein etwas älteres Kunstwerk, welches auch noch käuflich zu erwerben ist und schon den post-postmodernen Ansatz erahnen lässt, ist eine Skulptur aus Sperrholz. Sie trägt den Titel „Kreativ-chaotisches Potential“ und ist der Kunstreihe „Blau blau blau sind alle meine Farben, blau blau blau ist alles was ich hab“ zuzuordnen:

 

Kreativ-chaotisches Potential/ Öl auf Sperrholz

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, ich konnte Ihrem ästhetischen Kunstempfinden Flügel verleihen.

Bitte kontaktieren Sie mich unter: ichmachekunst-echtjetzt-ohnescheiß@schokocroissant.de

Herzlichste Grüße

Ihr Künstler