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Begegnung

Meine Augen kleben an deinen Lippen, die Verständnis ausdrücken.

Du umschmeichelst mein Wesen mit allem was du bist und wenn der neue Tag anbricht

werde ich nicht mehr wissen, ob das alles real war oder nur eine Phantasie.

Und dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte

wenn ich für einen kurzen Moment die Zeit hätte austricksen können.

Und jetzt schreibe ich sie in Gedanken in den Wind.

Weiß, dass sie dich nie erreichen werden

und dass eine Begegnung nie wieder das gleiche in mir auslösen könnte

wie in dieser Abendstunde, als deine Seele mir Vertrauen zuzwinkerte.

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese Sekunde,

in der ich den Atem der Freiheit auf meiner Haut spüre und vergesse,

dass die Zeit den Rhythmus des Lebens vorgibt.

Dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte,

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese eine Sekunde.

Diese Tür hat der Wind der Zeit zugeschmettert,

abgestorbene Blätter legen sich wie traurige Erinnerung auf die ausgetrocknete Erde,

 eine andere Tür hat sich geöffnet und es wird nie wieder so sein, nie wieder so sein

wie in dieser einen Sekunde als ich dich liebte mit allem was ich zu sein hoffte und nicht war.

Jetzt stehe ich an der Türschwelle zu einem neuen Abschnitt und warte darauf,

dass du mich zurück zu dir ziehst und mich in deine schützenden Arme fallen lässt.

Doch du bist nicht da, kannst nicht die Sehnsucht in meinen Augen ablesen.

Und dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte,

wenn ich für einen kurzen Moment die Zeit hätte austricksen können.

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese eine Sekunde.

Das Gefühl vergeht, aber die Erinnerung bleibt.

Ich liebte dich, ich liebte dich, nur in dieser einen Sekunde, als ich die Zeit austricksen konnte.

Und es kein Morgen mehr gab.


Berliner Frühling

Der Berliner Frühling kommt verhältnismäßig spät. Er hat seinen eigenen Rhythmus, so wie fast alles hier. Du bist nie alleine, selbst an den verborgensten Orten nicht, deine Ideen gehören nie ganz dir, haben immer Vorreiter und Nachahmer. Manchmal passiert es, dass du den Startschuss nicht hörst und sich eine Horde von Menschen bereits dort versammelt hat, wo du auf ein bisschen Ruhe und ländliche Idylle gehofft hattest. Der Geruch von frisch gegrilltem Nackensteak steigt in deine Nase, Federbälle oder Fußbälle fliegen dir entgegen, Kindergeschrei betäubt deine Ohren, herumtollende Hunde bringen dich fast zu Fall und du fragst dich ganz ernsthaft, was die Menschenmassen bitteschön in deinem Lieblingspark zu suchen haben. Dann kommt die plötzliche Eingebung, dass die Stadt Berlin, die, im Gegensatz zu dir, nie zur Ruhe kommt, dir im Schlaf deine Ideen stibitzt und du nie mit ihr Schritt halten kannst, so sehr du es auch versuchst.

Ein kleines gemütliches Café, sagen wir in Kreuzberg, bleibt nicht lange unentdeckt. Hast du dich gestern noch über die familiäre Atmosphäre, die akkuraten Preise, die freundliche und schnelle Bedienung und die bequeme Sitzgelegenheit gefreut, kann es passieren, dass ein spitzfindiger Journalist dein kleines Kuchenparadies als Geheimtipp in einem Berliner Magazin veröffentlicht und es zum Menschenmagneten avanciert. Der Schuss ist gefallen, du hast ihn gehört, laut und deutlich, und weißt, dass du dir eine neue Anlaufstelle für ruhige Stunden suchen musst, wenn du dich nicht vom Strom der Menge mitreißen lassen willst. Manchmal will ich das, unter Menschen sein, unter Fremden, mir Geschichten über sie ausdenken, die ich aus aufgesammelten Gesprächsfetzen zusammenflicke. Ich lausche ihrer Stimmen, versuche herauszufinden, wo sie herkommen, mustere sie von Kopf bis Fuß, nur um festzustellen, dass meine Observationen immer auf die eine selbe Frage hinauslaufen.

„Was hat dich nach Berlin getrieben“, höre ich mich leise sagen. Dann bin ich wieder still, breite eine Zeitung auf dem Tisch aus, lese ein paar Zeilen, blicke von der Lektüre mit einem verstohlenen Grinsen auf und freue mich, hier zu sein, in meinem Berlin, das täglich sein Gesicht wechselt und mir dennoch so vertraut ist.


Pollen schwirren wie Träume durch die Luft, landen auf der Erde und werden wieder aufgeschleudert, als ich mir den Weg zu einem verwinkelten Bereich des Treptower Parks freikämpfe. Der verlassene Karpfenteich glitzert in der Sonne, lädt zum Baden ein. Ich tauche meine Fußspitzen darin ein, lasse sie im Takt der Wellen tanzen und verspüre das Bedürfnis, ganz im Wasser zu versinken, fast so, wie ich in dieser Stadt versunken bin. Seit ich hier wohne, habe ich vergessen, wann das Träumen aufhört und das Leben beginnt. Alles fühlt sich authentisch und doch surreal an.

Plötzlich, bevor der Plan, nach Berlin zu ziehen, aus den Kinderschuhen schlüpfen konnte, hatte ich meine alten Möbel verkauft oder verschenkt, meinen Mitbewohnern herzzerreißende Abschiedsworte hinterher gerufen, mir das Nötigste unter die Arme geklemmt und fand mich auf Umzugskisten sitzend in einem kleinen WG-Zimmer in Alt-Treptow wieder.

Was mich nach Berlin gezogen hat, kann ich nicht genau sagen. War es die Idee einer Stadt, in der jeder seinesgleichen findet und die Entfaltungsmöglichkeiten schier unerschöpflich scheinen? Die Sehnsucht nach etwas Neuem, für das es sich zu kämpfen lohnen würde? Die Einsicht, Altem nicht hinterher zu trauern? Oder der Wunsch, die Vergangenheit systematisch zu verdrängen? Vielleicht ist das Leben so banal, dass man seinen Handlungen nichts Heroisches, Symbolträchtiges, märchenhaft Verklärtes nachweisen kann. Vielleicht tun wir alles im Leben aus einer inneren Notwendigkeit heraus, die keinen Spielraum für Kreativität lässt. Ich habe aufgehört, mich über meine Entscheidungen zu wundern, und angefangen, zu realisieren, dass ich Teil einer Masse bin, die ihre mit Ideen und Hoffnungen gefüllten Koffer nach Berlin schleppt und auf das kleine bisschen Glück setzt. Alle diese Menschen verändern täglich das Bild der Stadt und lassen Berlin zu einer Insel der Zuflucht, einem Asyl für Träumer werden, das so viele Wahrheiten beherbergt wie es Einwohner zählt.

Meine Wahrheit liegt auf dem Dachboden meiner Eltern unter alten Schulheften vergraben. Als ich das Gefühl hatte, dass man mir den Boden unter den Füßen wegreißen wollte, klammerte ich mich an diesen alten Erinnerungen fest und begann mich zu fragen, welcher Teil meiner Kindheit noch in mir lebendig ist und welcher gestorben war. Der Blick schweifte flüchtig auf eine Mappe, die das Wort „Kreatives“ zierte. Ich begann mich in die Geborgenheit meiner geschriebenen Worte einzulümmeln und friedlich einzuschlafen. Am nächsten Morgen musterte ich noch einmal die Gravur meines Verlobungsringes, legte ihn in eine Schachtel und wies ihr den Platz zu, den bis zum Tag zuvor meine Romanskizzen okkupiert hatten. Dann packte ich etwas Geld, Verpflegung und die nötigsten Klamotten ein und lief zum nächsten Bahnhof, um ein Ticket nach Berlin zu lösen. Ich verschickte 10 Kurznachrichten mit dem Wortlaut „Ich ziehe nach Berlin“, schaltete sofort darauf mein Mobiltelefon aus und grinste in mich hinein, als mir die Worte „jetzt oder nie“ über die Lippen glitten.

Der Zug fuhr langsam aus dem Bahnhof. Ich fühlte mich befreit und verspürte im selben Moment eine Angst, die ich so noch nicht kannte. Meiner Gegenwart beraubt schwebte ich im luftleeren Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft, unsicher, was der nächste Tag, die nächsten Wochen und Monate bringen würden. Ich wusste, dass es an der Zeit war, etwas Neues zu schaffen, mein Potential auszuschöpfen und den Weg zu gehen, den ich mich die ganzen Jahre nicht zu gehen getraut hatte. Es gab keine Geborgenheit mehr, in die ich mich hätte begeben können, um das Leben abzuschotten und das Ticken der Zeit zu ignorieren. Es gab kein Zurück. Ich war entwaffnet und doch nie zuvor so sehr ich selbst wie in diesem Moment, in dem mein blanker Überlebenswille das Ruder übernahm. Ich hatte den inneren Kampf gegen den Teil von mir, der aufgeben und sich an die Vergangenheit klammern wollte, überstanden. Jetzt musste ich noch das Leben überstehen.


Du

Dein Blick drückt tiefe Traurigkeit aus,
ein Tränenmeer entweicht ihm,
ich schwimme dir darin entgegen,
strecke meine Hand nach dir aus.
Du schaust mir beim Ertrinken zu,
und fragst mich, mit tief verletzter Stimme,
warum ich dich nicht lieben kann
und dass du es nicht verdient hast,
geliebt zu werden.
Ich antworte mit stummem Entsetzen
kurz bevor sich die Augen für immer schließen
und ich vergesse, dass mein Leben einmal mir gehörte.


Ansichten eines Nichtkünstlers – ein fiktives Interview

AS:

Christian Höfer, Sie sind Begründer einer sich rapide ausbreitenden Künstlerbewegung, die sich „Keine Kunst“ nennt. Wo kommen Sie her und was ist Ihre Botschaft?

Christian H:

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass sich „Keine Kunst“ als Projekt versteht, das alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens tangiert und somit eine Gesamtheitlichkeit impliziert, die das Denken in Kategorien wie Kunst und Leben als unzeitgemäß enttarnt. Wir scheuen den Begriff Künstlerbewegung, wenn überhaupt sind wir eine Anti-Künstler-Bewegung. Ich persönlich bevorzuge die Bezeichnung „gesamtweltliches Konzept“.

AS:
Sie sehen sich demnach als den Begründer eines postmodernen gesamtweltlichen Konzeptes.

Christian H:

Das habe ich so nicht gesagt. Die Postmoderne stellt einen winzigen Abschnitt, nur einen Augenschlag im Weltgeschehen dar. Unser Konzept erhebt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, wir möchten uns nicht in das gemachte Nest einer schnelllebigen In-Kultur setzen.

AS:

Sie profitieren aber von dieser In-Kultur.

Christian H:

Sicher, das lässt sich nicht abstreiten. Unser Werbeslogan „Zurück zur Natur- Nieder mit der Kunst“ hat starke Resonanz bei denjenigen Menschen, die die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst nicht mehr hinnehmen wollen und können, gefunden. Ich bin der Ansicht, dass Kunst nicht mehr zeitgemäß ist, „keine Kunst“ jedoch schon immer existiert hat und immer existieren wird. Es brauchte nur einen Mutigen, der die Wahrheit offen ausspricht.

AS:

Und der sind Sie.

Christian H:

Das sind im Grunde alle Menschen, die sich durch unsere Initiative ermutigt fühlen, endlich mal Tacheles zu reden. Wir haben aus hilflosen und verzweifelten jungen Menschen, die sich unverstanden fühlten, selbstbewusste Persönlichkeiten gemacht. Darauf bin ich sehr stolz, dafür hat sich die harte Arbeit und die Zeit, die wir investieren mussten, gelohnt.

AS:

Können Sie ein bisschen erzählen, wie die Arbeit an Ihrem Projekt aussieht. Sie sprechen oft von „Wir“. Wer sind die Drahtzieher der Bewegung.

Christian H:

Zunächst einmal ist der Name Programm. Wir, also das ist im Kern eine Gruppe von 10 Personen, verfolgen kurz gesagt die Intention, keine Kunst zu machen – und das mit Leidenschaft. Wir stehen in der Öffentlichkeit und im Fokus der Medien, wurden zunächst als Protestbewegung verschrien, nicht ernst genommen, mit negativer Kritik überhäuft, skeptisch beäugt. Spinner seien wir, da unsere Forderungen und Ziele unrealistisch und nicht umsetzbar seien. Wir haben gekämpft, uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Der Erfolg hat uns recht gegeben: Wir haben es geschafft, die Masse für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren.

AS:

Wie beziehen Sie Stellung in der Gesellschaft? Wie sieht nun Ihre Tätigkeit konkret aus?

Christian H:

Das werde ich häufig gefragt. Nun, ich mache keine Kunst. Das ist meine Tätigkeit, grob umrissen. In der Praxis sieht es so aus, dass ich, um nur ein Beispiel zu nennen, nackt an einem Graffito vorbeilaufe. Ich stelle in meinem Adamskostüm, der unverfälschten Natur, ein Gegenkonzept zu der gängigen Praxis, jeden dahergemalten Strich als Kunst zu bezeichnen, dar.

AS:

Sie müssen jedoch zugeben, dass solcherlei Aktionen nun wieder den Charakter einer Protestkultur aufweisen.

Christian H:

Ganz und gar nicht! Unsere Vorstellungen kongruieren lediglich nicht mit dem weit verbreiteten Kunstkonzept. Wir möchten die Kunst nicht ins Lächerliche ziehen, das schafft sie auch ohne uns. Wir stellen natürlich ein Gegenkonzept zur Kunst dar, weil letztere nun einmal zur gesellschaftliche Norm geworden ist. Unser aller Leben wird fremdbestimmt, und zwar durch die Kunst. Die Kunst ist manipulativ, unumgänglich, korrupt. Überall in der Stadt sieht man so sch…. Graffiti. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, ich bin außer mir vor Wut…. Vernissage, Finissages, ich kann es nicht mehr hören. …Wir wollen wenn überhaupt dann nur im Stillen protestieren, denn wir versuchen unter allen Umständen zu verhindern, dass dahergelaufene–

AS:

Dahergelaufene Striche?

Christian H:

Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Wir möchten nicht, dass dahergelaufene Kunstkenner uns eine künstlerische Botschaft unterstellen. So einfach ist das.

AS:

Wie kamen Sie auf den Begriff „Keine Kunst“. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber er erinnert stark an die Terminologie Kunst.

Christian H:

Nun, eine gewisse Wortverwandtschaft ist den beiden Begriffen anzumerken, da haben Sie recht. Der Begriff „Keine Kunst“ ist in einer intensiven Phase der Kreativ- und Ideenlosigkeit entstanden und richtete sich natürlich vorrangig gegen das Schubladendenken in willkürlichen Kategorien und gegen die Verbreitung künstlerischen Gedankenguts, welches eine Gefahr für die Struktur unserer Gesellschaft und nicht zuletzt eine Gefahr für den Bestand unserer Demokratie darstellt. Wir wollen nicht zulassen, dass die Grundpfeiler unserer Gesellschaft mit Graffiti besprüht und auf derartige Weise untermauert werden.

AS:

Ich danke für dieses Interview.


Wo ist das Teeei geblieben?

Die Hochzeitsfeier des frisch vermählten Ehepaares Schreiben- Zwiebelfisch wurde von unangenehmen Zwischenfällen überschattet. Zunächst musste sich die nervlich angespannte Braut Wilma schiere Unverschämtheiten von ihren Schwiegereltern anhören. Dabei hatte sich die junge Frau solche Mühe gegeben, bei der Familie ihres frisch Angetrauten mit ihrem Charme und intellektuellen Auftreten zu punkten. Nun machte dieses eine Wort, das unmissverständlich auf ihre Person bezogen war, alle Bemühungen der letzten 5 Jahre zunichte. Für den Rest des Abends rang Wilma sprichwörtlich nach Atem, suchte den Hochzeitssaal nach einer Sauerstoffflasche ab, während das Wort „Seeelefant“ wie ein Brandmal auf ihre Stirn geschrieben war.

Inbrünstig hoffte sie darauf, dass die Zeit schneller vergehen würde und sie noch eine Weile die Contenance bewahren könne. Sie umarmte und küsste ihren Mann Ernst leidenschaftlich, um sich ein wenig in seiner Geborgenheit zu wähnen, während sie ihm zärtlich ins Ohr flüsterte, wie sehr sie sich auf die gemeinsame Hochzeitsreise, die Schifffahrt zu den Hawaiiinseln, freue. Dann erschien die Schwiegermutter wie aus dem Nichts und machte sich daran, die romantische Stimmung  restlos zu zerstören. Sie schob Wilma an ihre Seite heran.

„Entschuldige, mein Liebes. Aber ich muss wegen einer dringenden Angelegenheit mit dir sprechen. Apropos, wenn du willst, darfst du mich jetzt auch duzen, also ich meine das lässt sich ja nicht vermeiden, wo du nun mit meinem Sohn verheiratet bist. Apropos, wann wollt ihr eigentlich Kinder und geht das überhaupt bei deinem Gewicht? Versteh mich nicht falsch, ich wünsche mir nur so sehr ein Enkelkind.“

Wilma schoss das Blut in ihren Kopf, so brodelte innerlich und war kurz davor, zu explodieren. Die dreiste Schwiegermutter erkannte ihren Fauxpas und war nun bemüht, die Sache schnell auf den Punkt zu bringen.

„Es tut mir leid, meine Liebe, ich meine das nicht so. Selbstverständlich könnt ihr euch mit dem Kinderkriegen noch Zeit lassen, bloß keine Eile, sieh du zu, dass du erst einmal einen vernünftigen Beruf ausübst.“

Wilma begann zu fauchen: „AAAHrrrgggg!!!“

„Bitte unterbrich mich nicht, wenn ich gerade im Redefluss bin. Also. Das, worauf ich eigentlich hinauswollte, hat nichts mit dieser Hochzeit zu tun, zumindest nicht vordergründig. Es geht um Tante Gitti, sie ist sehr erbost wegen deines Verhaltens.“

„Bitte??!! Was habe ich denn getan?“

„Bitte unterbrich mich nicht. Du hast dir vor langer Zeit ein Teeei ausgeliehen und es ihr bis jetzt noch nicht zurückgebracht. Es ist aus Gold und zudem ein Familienerbstück.“

Wilma begann zu lachen.

„Ich bitte dich, Kind, die Angelegenheit ist alles andere als amüsant.“

„Doch, das ist sie, sie ist so dämlich, dass man einfach lachen muss. Warte hier kurz.“

Die junge Frau sprintete zielstrebig zur Bar hinüber, schnappte sich ein Weizenglas und stellte eine wahllose Mischung aus herumstehenden Spirituosen zusammen. Diese trank sie in einem Zug leer, sprang wie eine Irre quer durch den Saal, wobei sie die Anmut eines übermütigen Rehkitz gepaart mit der Ästhetik einer Dampfwalze gekonnt zu verkörpern wusste.

Dann plötzlich stockten ihre Bewegungen. Sie schien sich kurzfristig für eine Planänderung entschieden zu haben. Auf direktem Weg lief sie auf die Bühne, schnappte sich das Mikrophon, deutete der Band an, die Musik einzustellen, und begann ihre Rede.

„Meine lieben Gäste, Freunde, Verwandten, Verschwägerten, Verbrüderten …. und auch alle anderen, die sich nicht angesprochen fühlen! Ich freue mich, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid, um diesen wunderschönen Tag mit uns gemeinsam zu etwas Unvergesslichem werden zu lassen. Ich habe den Ernst meines Lebens gefunden und der Ernst seine Wilma Schreiben. Es gibt nun eine Sache, die einen kleinen Schatten auf die Feierlichkeiten wirft. Es ist bekannt, dass ich einen großen Schatten werfe, jedoch aus genau diesem Grund passe ich hervorragend in die Familie meines Mannes hinein. Wir sind alle kleine Moppelchen, ist das nicht wahr, meine liebe Schwiegermutter? Dafür kann ich mit Recht behaupten, dass sich die Größe meines Herzens proportional zu meinem Körpergewicht verhält. Ich besitze die Fähigkeit, Menschen zu vergeben, die mir etwas Böses wollen, bzw. hinter meinem Rücken über mich tratschen. Allerdings, um wieder zu dem Schatten zurückzukommen: Es gibt etwas, das ihr nicht über mich wisst. Ich bin nicht die, von der ihr glaubt, dass ich es bin. Ich bin die Doppelgängerin der echten Wilma Schreiben-Zwiebelfisch. Bitte hört euch meine Geschichte in Ruhe an und urteilt dann erst über mich. Ich bin das Opfer von intriganten und kriminellen Machenschaften. Alles begann mit einem Teeei, dem Teeei der Tante Gitti. Sie schenkte es der echten Wilma, vergaß jedoch aus Gründen, die ich netterweise auf ihr Alter schiebe, dass es ein Geschenk war und wollte es zurückfordern. Da das Teeei mit einem goldenen Schriftzug versehen war und es sich bei dem Gegenstand um ein Familienerbstück handelte, entschloss sich Wilma kurzerhand, das Teeei für viel Geld zu verkaufen und anschließend nach Argentinien zu flüchten. Dort lebt sie heute in Saus und Braus. Ich wurde unter Androhung des Todes gezwungen, in Wilmas Rolle zu schlüpfen und musste den Ernst des Lebens auf grausame Weise kennenlernen. Nun habe ich eine Frage an dich Schatz. Liebst du mich trotzdem?“

Mit ihren flinken Augen suchte Wilma jeden Winkel des Hochzeitssaals ab. Ernst war nicht zu finden. Sie riss einem Gast die Bierflasche aus der Hand, um ihre Unsicherheit zu verbergen und sich Mut anzutrinken. Da plötzlich hörte sie ein Schnarchen, das sie sofort wiedererkannte.

„Ernst“, schrie sie.

Die Blicke der Gäste richteten sich auf einen schnarchenden, sabbernden Mann, der in der Mitte des Raumes lag und friedlich vor sich hin döste. Die Menschenmasse entfernte sich von dem Bräutigam, so dass die falsche Wilma freie Sicht auf das ganze Elend hatte. Nach kurzem Überlegen gab sie der Band ein Zeichen, weiterzuspielen.

„Aber diesmal was Romantisches“, rief sie voller Begeisterung und mit Freudentränen in ihren Augen den jungen Männern zu.


Berlin/er im Winterschlaf

Warten auf den Frühling

 


Märry Christmäs!

 

Diesen Winter hat die Bahn einmal mehr bewiesen, dass bei wirklich jedem Wetter Verlass auf ihre Unpünktlichkeit ist. Das Unternehmen bedankt sich ganz herzlich für das unendliche Verständnis seiner Kunden und verweist den erbosten, in der Kälte wartenden Fahrgast auf den erfolgsversprechenden 10-Jahres Plan zur Behebung dieses Problems.

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Bahn „ä Märry Christmäs“, das Sie hoffentlich nicht auf dem Gleise, sondern im Kreise der Familie feiern werden.

 

 

Auch die Äppelwoi-Fraktion möchte noch Weihnachtsgrüße loswerden:

 

Auch ich möchte in diesem Sinne frei nach Loriot postulieren:

„Ein Leben ohne Weihnachtsstress ist möglich, aber sinnlos.“

Ich wünsche allen Bloggern, Nichtbloggern, Optimisten, Pessimisten, Nihilisten und allen, die sich zwischendrin ansiedeln, ein angenehmes, harmonisches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2011.


Die Last mit den Weihnachtsgeschenken

Alle Dezemberwochenenden laufen, seitdem ich denken kann, nach dem gleichen Schema ab: Vom 01. bis zum 24. des Monats steigt die Zahl der in Fußgängerzonen und Geschenkläden umherirrenden Individuen und deren Verzweiflung proportional an, während die Besinnlichkeit am Tag vor Weihnachten ihren Tiefpunkt erreicht hat. Wer dann noch nach dem perfekten Geschenk für die Liebsten, die Schwiegermütter, Verschwägerten, Verschwipschägerten etc. sucht, dem steht ganz deutlich die Phrase: „Ich hasse Weihnachten“ auf sämtlichen sichtbaren Körperteilen geschrieben.

Die Reziprozität ist die große Bürde, die auf dem Konzept „Weihnachten“ lastet und es in Anbetracht seiner ursprünglichen Idee eines Festes der Liebe zu einer Farce verkommen lässt. Eine Bereicherung für die Konsumindustrie, eine Nervenprobe für den Bürger.

Auch meine Eltern stellen sich seit Jahren der großen Herausforderung, meinen Großeltern sinnvolle Weihnachtsgeschenke zu machen und der damit einhergehenden Frage: „Womit kann man älteren Leuten, die nach eigener Bekundung schon alles haben, was sie brauchen, eine Freude bereiten?“

Dieses Jahr ist alles vermeintlich einfacher. Meine Oma hat tatsächlich einen Wunsch geäußert, nachdem sie an die 20 Jahre beteuerte, schon alles zu haben und nichts zu wollen.

Sie möchte einen neuen Kassettenspieler.

Da sag ich nur danke, liebe Oma, dass du uns bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken dieses Jahr so ungemein entgegenkommst.


WG Leben- Keine macht den Abwasch

… lautet eine Gruppe im bundesweiten sozialen Netzwerk studivz/ meinvz. „Ich habe erstmal ausreichend Erfahrung im Tellerstehenlassen gesammelt“, denkt sich Carsten, als er die letzte Ladung gewaschener Klamotten aus der Waschmaschine holt und auf den Dachboden zum Trocknen bringt. Während er die Fläche auf Wäscheleine und -ständer freischaufelt, lauscht er mit einem Ohr den Nochmitbewohnern beim Diskutieren, Lamentieren und Echauffieren:

WG Sitzung!

Eine Mitbewohnerin fühlt sich hintergangen, weil die anderen drei in einer konspirativen Zusammenkunft, die sie ausschloss, weil sie an diesem Wochenende zufällig bei ihren Eltern die Katze hüten musste, die Küche hellgelb und hellgrün gestrichen haben. Kirsten, die sich als Drahtzieherin dieser Aktion versteht, beteuert, dass es überhaupt nie geplant war, die Küche zu streichen, eigentlich sollte sie nur etwas umgestellt werden. Doch dann traten diese entsetzlichen Fettflecken zu Tage, die alle positiven Energien in dem Raum zu verschlingen drohten. Spontan beschlossen die Anwesenden, da die Küche sowieso eine einzige Baustelle war, noch mal schnell mit weißer Farbe grob über die Wände zu streichen, schließlich erhoffte man sich davon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

André ließ es sich auch hier nicht nehmen, seinen enormen Erfahrungsschatz zum Besten zu geben:

„Wenn wir die Wand mit reiner weißer Farbe streichen, wirkt die Küche matt und unfreundlich.“

Also einigten sich die drei auf einen leichten, fast unsichtbaren, jedoch glanzvollen Gelbstich. Während Kirsten und Carsten voller Elan den Inhalt der gelben Tube in den Eimer mit weißer Farbe quetschten, warteten sie vergeblich auf ein Stoppsignal von André. Die große Überraschung kam beim Umrühren. Das Farbergebnis: Gelb mit einem dezenten Weißstich.

Also klatschten sie die frisch angerührte Farbe auf zwei der Küchenwände. André schimpfte darüber, wie hässlich und kitschig dieses Gelb sei und dass der Raum nun jede Menge Licht fressen und noch kleiner als er sowieso schon ist wirken würde. Aus Mangel an weißer Farbe lautete der Kompromiss für die anderen Wände nun: ein frisches Apfelgrün.

Carsten lässt den leeren Wäschekorb auf dem Dachboden liegen und setzt sich in den Raum, in dem sich die Gewitterwolke breit macht. Entspannt schnappt er sich ein Glas und lässt sich Wein einschenken. Er sieht sich in dem Gemeinschaftsraum um, betrachtet jedes Einrichtungsdetail, versucht, es sich einzuprägen, damit er es noch im Rentenalter rekonstruieren kann, wenn er in Gegenwart seiner Enkelkinder von der alten Zeit schwärmen wird.

Nun dreht sich die Diskussion darum, dass Kirsten die Frechheit besessen hatte, ein mit australischen Giftquallen bedrucktes Seidentuch an eine Wand dieses Raumes zu hängen ohne Johanna, die Hintergangene, um Erlaubnis zu fragen. Die beiden männlichen Bewohner lehnen sich in ihren Stühlen zurück. Sie geben den Streithennen zu verstehen, dass das Anbringen und Umverteilen von Dekoartikeln in den heimischen 4 Wänden nicht in ihr Interessengebiet fällt und die Mädels sich nach Gutdünken austoben können.

„Ich weiß, dass du Angst vor Veränderungen hast“,

wirft Kirsten Johanna verständnisvoll vor,

„aber ich möchte, dass du dich in dieser WG einbringst, dass du etwas von dir selbst hineinsteckst.“

„Ich finde den Raum schön so wie er ist. Er ist praktisch und das genügt mir“, entgegnet die spindeldürre Johanna genervt. „Und mir gefällt dieses Tuch nicht, es macht den Raum dunkel, ich möchte, dass die Wände weiß bleiben.“

„Und mir gefällt die Tonvase nicht“, antwortet Carsten, wohl wissend, dass Johanna die Einzige ist, die diesem Plunder etwas abgewinnen kann.

„Die Vase bleibt“, giftet sie ihn daraufhin erbost an.

„Na gut, ich habe hier sowieso nichts mehr zu melden, ich ziehe ja aus“, beschwichtigt er sie und verspürt sogleich das Bedürfnis, ihr seine heimlichen Gedanken als Abschiedsgeschenk hinterherzuknallen:

„Gott sei dank!“


Wie bewirkt man einen Rausschmiss aus dem „sozialen“ Netzwerk Facebook? – Ein Selbstversuch (Teil 1)

Vor kurzem habe ich ein mehrtägiges, wenn nicht mehrwöchiges exklusives, d.h. nur an meiner Wenigkeit getestetes Experiment ins Leben gerufen, welches das eine große Ziel verfolgt: eine Zwangslöschung oder -sperrung meines Accounts bei Facebook.

Die Regeln sind simpel, die Umsetzung dürfte jedoch umso anspruchsvoller sein:

– Die Richtlinien der facebookinternen AGBs müssen zu jedem Zeitpunkt beachtet und befolgt werden, d.h. es dürfen keine expliziten Beleidigungen, Drohungen, pornographischen Inhalte etc. gepostet werden.

– Ich darf niemanden damit beauftragen, mich bei Facebook anzuschwärzen.

Anmerkung:

Sicherlich wird es eine heikle Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem werden, denn jeder Nutzer verpflichtet sich zum Beispiel dazu, wahre Angaben über seine Person zu machen. So könnte eine Namensänderung in ein Synonym schon als Verletzung der Nutzerbedingungen gewertet werden.

 

Was ich beweisen möchte:

Es geht mir in dem Selbstversuch darum, die Toleranz des Unternehmens durch die expressive Manifestation einer Meinung, die sich nicht mit den Interessen der Betreiber deckt, auszureizen. Ich möchte verdeutlichen, dass Facebook keinesfalls eine Plattform der freien Meinungsäußerung und -bildung ist, sondern eine Interessengemeinschaft, die auf ihre eigenen Vorteile (finanzieller Art) fixiert ist und deren Maßnahmen sich an der Grenze zur Illegalität bewegen.

In erster Linie ist das „soziale“ Netzwerk eine raffiniert verpackte Maschinerie, die persönliche Daten erfasst und kommerziell nutzt. Wer einmal den Nutzerbedingungen zugestimmt hat, kommt meist nicht ohne Schaden aus der Community wieder heraus. Facebook behält sich das Recht vor, die Daten bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzubewahren, denn sie sind die Währung, mit der das Unternehmen jährlich Milliardenumsätze erzielt.

Seit 2 Jahren gerät Facebook Inc immer mehr in den Fokus öffentlicher Kritik, die Mitgliederzahl nimmt dennoch stetig zu. Mittlerweile nutzen 500 Millionen Menschen das Soziale Netzwerk regelmäßig, das ist mehr als die Einwohnerzahl Südamerikas und macht ca 7.24 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Es wird Zeit, den Blick für die Gefahren zu schärfen, die web-basierte soziale Netzwerke mit sich bringen können (nicht jedoch müssen, denn ich möchte ausdrücklich nicht alle Communities anprangern) und die Privatsphäre als ein Privileg der modernen Welt zu schätzen, anstatt sie leichtfertig zu verspielen.

 

1. Tag:

Ich knüpfe an die Problematik der vor wenigen Tagen publik gewordenen kurzzeitigen Zwangszensur des Wortes Lamebook durch Facebook an,  hier detaillierter nachzulesen, und mache von meiner Meinungsfreiheit, die Facebook angeblich so groß schreibt, Gebrauch.

Am 24. November 2010 gegen 16.00 Uhr habe ich folgende, durch rote Umkreisungen gekennzeichnete Änderungen an meinem Profil vorgenommen:

Ich habe meinen Benutzernamen in „Lame Book“ umgeändert und sowohl auf meiner Pinnwand als auf in dem linken oberen Kästchen, welches die momentane Aktivität beschreibt, den Kommentar „Lamebook“ gepostet.

Reaktion von Facebook: bisher keine.

 

 

Erläuterung:

Lamebook ist ein Parodieblog, das lustige Dialoge, Fotos, Statusmeldungen etc. aus der Facebook Community aufgreift und zur Diskussion stellt. Die Seite existiert seit April 2009 und befindet sich seit kurzem im Rechtsstreit mit Facebook Inc.

 

 

Exkurs:

 

Was Facebook und Co so attraktiv macht:

Facebook ist aus dem Leben vieler, vor allem junger Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Laut Angaben des Betreibers greifen rund die Hälfte der insgesamt 500 Millionen aktiven Nutzer täglich auf ihren Account zu. Das soziale Leben vieler Mitglieder verlagert sich somit zunehmend ins zentralisierte, übersichtlich strukturierte Web 2.0, in dem jeder Akteur die Person darstellen kann, die er immer schon zu sein hoffte und seine Freunde und Liebsten in unmittelbarer Nähe wähnt, während Unangenehmes ausgegrenzt bzw. blockiert wird. Es wird eine multimediale, utopische Pseudorealität geschaffen, in der Fiktives und Reales so stark miteinander verschmelzen, dass der User Erfahrungswerte im Web mit denen des gesellschaftlichen Lebens gleichsetzt. Anders gesagt: Die Interaktionen im Netzwerk ersetzen diejenigen des alltäglichen Lebens und lassen den Nutzer vergessen, dass er de facto nur am Schreibtisch sitzt und sich von der Außenwelt abschottet, anstatt an ihr teilzuhaben.

Ein ähnliches Phänomen ist bei Multiplayer-Online-Rollenspielen oder den längst überholten Chaträumen festzustellen, mit dem Unterschied, dass die Strategie von Facebook Inc darin besteht, den Menschen in einer familiären und vermeintlich privaten Atmosphäre so viele persönliche Daten wie möglich zu entlocken; d. h. hier wird mit der Ressource „Mensch“ Handel betrieben. Tatsächlich lässt sich der Nutzer bedenkenlos kommerziell ausschlachten, legt im Netz einen Daten- und Seelenstriptease ohnegleichen hin, während er bei Familienfesten lächelnderweise die Contenance bewahrt und sich in das bestmögliche Licht rückt.

Sicherlich, auch das Web 2.0 ist eine Bühne der Eitelkeit, der Selbstinszenierung, in der jeder hinzugefügte Kontakt der Aufwertung der eigenen Person dient, jedes hochgeladene Foto als Beweisobjekt eines erfüllten und bewegten Lebens fungiert und nicht alles für bare Münze genommen werden kann und darf. Zugleich ist es aber auch ein Kummerkasten, eine Projektionsfläche der eigenen Gedanken, Stimmungen und Ängste, die im realen Leben unausgesprochen bleiben, da sie dem gesellschaftlichen Konsens nicht entsprechen und als Schwäche gewertet würden.

Bei Facebook und Co sind solche intimen Ergüsse jedoch mehr als erwünscht und führen keineswegs zu Ablehnung. Im Gegenteil: Der Einzelne wird für die Offenheit, mit der er über seine Sorgen spricht, bewundert und mit Verständnis und Trost belohnt. Es entsteht eine vermeintliche Intimität und Vertrautheit, die außerhalb des Webs nur in privaten Gespräche unter sehr vertrauten Menschen zu erzielen ist. Eine Illusion, denn der Nutzer kreiert sich seine eigene heile Welt, die viel Raum für Phantasie und Eigeninterpretation lässt. Eine Konversation via Facebook-Nachrichtendienst oder -Chat zum Beispiel kann niemals eine Face-to-face-Kommunikation ersetzen, denn Mimik, Gestik und Intonation sind elementare Hilfsmittel, um eine eindeutige Botschaft zu vermitteln.

Auch bestimmt der Aspekt der Selbstinszenierung wesentlich die Interaktion im sozialen Netzwerk. Wer einen Kommentar auf die Pinnwand eines Freundes postet, der ist erstens auf Reziprozität bedacht, indem er erwartet, dass er eine Antwort in Form eines Eintrags auf der eigenen Seite erhält (was wiederum sein Profil aufwertet) und möchte zweitens mit dem Geschriebenen auf sich aufmerksam machen, d.h. möglichst viele interessante Details über sich implizit oder explizit preisgeben. Dies kann durch inhaltliche Anmerkungen geschehen (z.B. „Du warst im Skiurlaub? Ich fahre auch regelmäßig ins Skigebiet Ischgl!“) oder, indem Mitgefühl, Mitfreude etc. zum Ausdruck gebracht und somit die enge Bindung zwischen beiden Personen demonstriert wird. („Du bist krank? Oh, das tut mir leid, du Arme. Fühl dich gedrückt.“)

Jeder User möchte also ein möglichst günstiges Feedback erhalten und erreicht dies, indem er sich an dem simplen Belohnungssystem, auf dem soziale Netzwerke aufbauen, orientiert: Je aktiver er den angebotenen Service (Pinnwandeinträge, Nachrichtendienst, Chatdienst, Verlinkungssystem, um nur einige aufzuzählen) nutzt, umso mehr Kommunikationsverkehr wird sich in Bezug auf die eigene Profilseite einstellen. Er kann also nie enttäuscht werden, denn das Maß an erhaltener Bestätigung hängt von seinem eigenen Handeln ab. Somit ist die Cyberrealität um ein vielfaches übersichtlicher, gerechter und vorhersehbarer als die gesellschaftliche Interaktion es je sein kann.

 

Die Kehrseite der Medaille:

Die sozialen Netzwerke bedienen das Bedürfnis jedes Einzelnen nach Intimität, Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit und sozialen bzw. seelischen Kuscheleinheiten, doch warum und um welchen Preis?

Ist die fehlende Menschlichkeit und die Auflösung der sozialen Strukturen in der Welt die Basis, auf der Internet Communities wie Facebook zu einem weltweiten Massenphänomen wurden? Fehlt es den Menschen an Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft selbst zu verwirklichen und als Individuum zu behaupten?

Offenbar hat Facebook Inc, welches das erste soziale Netzwerk des sogenannten Web 2.0 entwickelte, eine Marktlücke entdeckt und gnadenlos ausgeschöpft. Das Suchtpotential solcher Communities ist hoch und nicht zu verachten. Hat der Nutzer einmal das Belohnungssystem verstanden und an ihm Gefallen gefunden, verlangt es ihn nach der täglichen Dosis Selbstbestätigung, um deren Willen er freizügig und fahrlässig mit seinen Daten umgeht.

Mark Zuckerberg, der Begründer des gigantischen Online-Netzwerks, konstatierte Anfang des Jahres, dass das Konzept „Privatsphäre“ im Facebook-Zeitalter überholt sei (hier nachzulesen). Eine Rechtfertigung für die Lockerung der Privatsphäreeinstellungen, die er Ende 2009 vornahm? Weitere Änderungen folgten.

Der Protest von Seiten der Nutzer ist bedingt vorhanden, leistet jedoch der Mitgliederzahl keinen Abbruch:

Offenbar toleriert man den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, denn er scheint das kleinere Übel zu sein gegenüber dem Austritt aus dem Netzwerk. Schließlich will man nicht zerstören, was man sich mühevoll über die Jahre hinweg aufgebaut hat, könnte man doch am Ende all die lieb gewonnen Freunde aus den Augen verlieren.

 

 

Ausblick auf Teil 2:

– Wieso sollte es Facebook interessieren, was ich als Einzelner auf meine Pinnwand poste?

– Wo bitteschön ist der Knopf zur Löschung meines Accounts versteckt und gibt es eine zeitsparendere Alternative?

– Wen hat Facebook eigentlich noch verklagt?