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Ansichten eines Nichtkünstlers – ein fiktives Interview

AS:

Christian Höfer, Sie sind Begründer einer sich rapide ausbreitenden Künstlerbewegung, die sich „Keine Kunst“ nennt. Wo kommen Sie her und was ist Ihre Botschaft?

Christian H:

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass sich „Keine Kunst“ als Projekt versteht, das alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens tangiert und somit eine Gesamtheitlichkeit impliziert, die das Denken in Kategorien wie Kunst und Leben als unzeitgemäß enttarnt. Wir scheuen den Begriff Künstlerbewegung, wenn überhaupt sind wir eine Anti-Künstler-Bewegung. Ich persönlich bevorzuge die Bezeichnung „gesamtweltliches Konzept“.

AS:
Sie sehen sich demnach als den Begründer eines postmodernen gesamtweltlichen Konzeptes.

Christian H:

Das habe ich so nicht gesagt. Die Postmoderne stellt einen winzigen Abschnitt, nur einen Augenschlag im Weltgeschehen dar. Unser Konzept erhebt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, wir möchten uns nicht in das gemachte Nest einer schnelllebigen In-Kultur setzen.

AS:

Sie profitieren aber von dieser In-Kultur.

Christian H:

Sicher, das lässt sich nicht abstreiten. Unser Werbeslogan „Zurück zur Natur- Nieder mit der Kunst“ hat starke Resonanz bei denjenigen Menschen, die die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst nicht mehr hinnehmen wollen und können, gefunden. Ich bin der Ansicht, dass Kunst nicht mehr zeitgemäß ist, „keine Kunst“ jedoch schon immer existiert hat und immer existieren wird. Es brauchte nur einen Mutigen, der die Wahrheit offen ausspricht.

AS:

Und der sind Sie.

Christian H:

Das sind im Grunde alle Menschen, die sich durch unsere Initiative ermutigt fühlen, endlich mal Tacheles zu reden. Wir haben aus hilflosen und verzweifelten jungen Menschen, die sich unverstanden fühlten, selbstbewusste Persönlichkeiten gemacht. Darauf bin ich sehr stolz, dafür hat sich die harte Arbeit und die Zeit, die wir investieren mussten, gelohnt.

AS:

Können Sie ein bisschen erzählen, wie die Arbeit an Ihrem Projekt aussieht. Sie sprechen oft von „Wir“. Wer sind die Drahtzieher der Bewegung.

Christian H:

Zunächst einmal ist der Name Programm. Wir, also das ist im Kern eine Gruppe von 10 Personen, verfolgen kurz gesagt die Intention, keine Kunst zu machen – und das mit Leidenschaft. Wir stehen in der Öffentlichkeit und im Fokus der Medien, wurden zunächst als Protestbewegung verschrien, nicht ernst genommen, mit negativer Kritik überhäuft, skeptisch beäugt. Spinner seien wir, da unsere Forderungen und Ziele unrealistisch und nicht umsetzbar seien. Wir haben gekämpft, uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Der Erfolg hat uns recht gegeben: Wir haben es geschafft, die Masse für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren.

AS:

Wie beziehen Sie Stellung in der Gesellschaft? Wie sieht nun Ihre Tätigkeit konkret aus?

Christian H:

Das werde ich häufig gefragt. Nun, ich mache keine Kunst. Das ist meine Tätigkeit, grob umrissen. In der Praxis sieht es so aus, dass ich, um nur ein Beispiel zu nennen, nackt an einem Graffito vorbeilaufe. Ich stelle in meinem Adamskostüm, der unverfälschten Natur, ein Gegenkonzept zu der gängigen Praxis, jeden dahergemalten Strich als Kunst zu bezeichnen, dar.

AS:

Sie müssen jedoch zugeben, dass solcherlei Aktionen nun wieder den Charakter einer Protestkultur aufweisen.

Christian H:

Ganz und gar nicht! Unsere Vorstellungen kongruieren lediglich nicht mit dem weit verbreiteten Kunstkonzept. Wir möchten die Kunst nicht ins Lächerliche ziehen, das schafft sie auch ohne uns. Wir stellen natürlich ein Gegenkonzept zur Kunst dar, weil letztere nun einmal zur gesellschaftliche Norm geworden ist. Unser aller Leben wird fremdbestimmt, und zwar durch die Kunst. Die Kunst ist manipulativ, unumgänglich, korrupt. Überall in der Stadt sieht man so sch…. Graffiti. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, ich bin außer mir vor Wut…. Vernissage, Finissages, ich kann es nicht mehr hören. …Wir wollen wenn überhaupt dann nur im Stillen protestieren, denn wir versuchen unter allen Umständen zu verhindern, dass dahergelaufene–

AS:

Dahergelaufene Striche?

Christian H:

Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Wir möchten nicht, dass dahergelaufene Kunstkenner uns eine künstlerische Botschaft unterstellen. So einfach ist das.

AS:

Wie kamen Sie auf den Begriff „Keine Kunst“. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber er erinnert stark an die Terminologie Kunst.

Christian H:

Nun, eine gewisse Wortverwandtschaft ist den beiden Begriffen anzumerken, da haben Sie recht. Der Begriff „Keine Kunst“ ist in einer intensiven Phase der Kreativ- und Ideenlosigkeit entstanden und richtete sich natürlich vorrangig gegen das Schubladendenken in willkürlichen Kategorien und gegen die Verbreitung künstlerischen Gedankenguts, welches eine Gefahr für die Struktur unserer Gesellschaft und nicht zuletzt eine Gefahr für den Bestand unserer Demokratie darstellt. Wir wollen nicht zulassen, dass die Grundpfeiler unserer Gesellschaft mit Graffiti besprüht und auf derartige Weise untermauert werden.

AS:

Ich danke für dieses Interview.