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There`s something about Amélie

Die Welt der Amélie Poulan ist allgegenwärtig. Sie steckt nicht nur in den Köpfen all derer Menschen, die den Kunstgriff des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, Gedanken und Fantasien einer in sich gekehrten, identitätssuchenden jungen Frau mit der gelebten Realität eines Pariser Viertels verschmelzen zu lassen, als Metapher ihrer eigenen Weltwahrnehmung verstehen. Ein Blick in das heimische Schreibwarengeschäft beweist: Auch im geringfügig pulsierenden Kleinstadtleben hat Amélies glanzvoll-kitschige Phantasiewelt Einzug  gehalten.

In stoischer Haltung bewacht die in dem Kassenschlager „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zum Leben erweckte Nachttischlampe das Tor zum Land der Träumer und hoffnungslosen Romantiker, während sie denjenigen Passanten, die nicht mehr an die kleinen alltäglichen Wunder glauben, die allzu geradlinig denken und realitätsbezogen sind, mit verspottender Hochnäsigkeit begegnet. Bin ich einer dieser Träumer? -Bejahendes Nicken.

Ich würde Herrn Schweinslampe gerne mitnehmen, damit er sich nicht weiter über diese penetrant realistischen Menschen ärgern muss. Ich kann förmlich spüren, wie er behutsam gegen die Fensterscheibe klopft, gerade so laut, dass ich es vernehmen kann, und mir zuflüstert:

„Du da, kleines Mädchen, trete ein und nimm mich mit.“

„Ich kann nicht, du bist mir zu teuer.“

Herr Schweinslampe wird sich daraufhin räuspern und mir eine Kolonie von Vorwürfen ins Gesicht donnern:

„Ich habe dich beobachtet, jeden Tag seitdem ich hier stehe und ich weiß genau, wer du bist und was du treibst. Du hast vergessen, wer wir sind.“

„Nein, das habe ich nicht, ganz bestimmt nicht.“ werde ich ihm empört entgegnen.

„So, meinst du…. Dann verrate mir: Wie oft hast du in letzter Zeit in Träumen schwelgend zum Himmel aufgeblickt? Wann hast du dich das letzte Mal in eine Menschenmasse gestellt, die Augen geschlossen und nichts als das Pochen deines Herzens und die wärmenden Sonnenstrahlen auf deiner Haut wahrgenommen? Wann hast du zuletzt deine Mitmenschen mit einem Lächeln angesteckt? Wie lange ist es her, dass du mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Tag begrüßt hast? „

„Lächerlich. Wozu soll das gut sein? Ich habe alles erreicht, wovon ich als Kind geträumt habe.“

„Du hast keine Träume mehr? Wofür lebst du dann?“

„Ich habe keine Zeit für solche Kindereien, ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen. Da bleibt das Träumen auf der Strecke.“

„Das Leben fängt im Kleinen an. Alles um dich herum lebt, spürst du das nicht? In jedem Wassertropfen steckt eine eigene Welt, jeder Grashalm erzählt seine Geschichte. Willst du es zulassen, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben verstummen?“

„Was weißt du schon vom Leben?“

„Naja, ich beobachte es jeden Tag durch diese Scheibe. Die Menschen scheinen nicht sehr glücklich zu sein, obwohl sie meinen, dass sie alles hätten. Sie setzten die falschen Prioritäten.“

„Du weißt nicht, was es bedeutet, zu leben. „

„Dann hol mich hier raus und lass mich an deinem Leben teilhaben.“

„Nein, das geht nicht.“

„Wieso denn nicht? „Wenn du so viel Geld besitzt wie du sagst, wieso kaufst du mich nicht und stellst mich neben dein Bett?““

„Weil ich das Geld schon anderweitig verplant habe.“

„Nein, nicht das Geld, sondern dein Leben hast du anderweitig verplant.“

„Mag sein, ich muss gehen, ich habe keine Zeit mehr.“

Ich kehre der Welt der Amélie erbost den Rücken zu. Während ich mich behutsam und mit lautlosen Schritten von dem Schreibwarenladen entferne realisiere ich, dass ich soeben von einem Schwein im Schlafmantel beleidigt wurde. Wutentbrannt stampfe ich durch die Fußgängerzone, als ich das Echo eines Schreies wahrnehme. „Wofür lebst du?!!“ Ich bleibe stehen und beobachte die Passanten, die meinen Weg kreuzen. Sie beachten mich nicht, sehen durch mich hindurch oder blicken mechanisch auf den Boden vor sich. Mein Entschluss steht fest- ich stelle Herrn Schweinslampe zur Rede. Als ich Sekunden später erneut vor dem Schaufenster stehe ist mein Widersacher verstummt und erstarrt. Sein unfreundlicher und hochnäsiger Blick lässt mich erkennen, dass dieses Objekt nur eine dämliche, überteuerte, aus massivem Kunststoff gefertigte Nachttischlampe ist.

Der Film „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ erzählt vom Träumen und vom Leben. Bevor die Protagonistin ihre Träume leben kann, muss sie zuerst ihr Leben träumen.

Jeunets Meisterwerk stellt das gängige Wertekonzept der westlichen Welt,  in dem Geld als höchstes erstrebenswertes Ziel und Motivationsgrundlage des Handelns gilt, in Frage, ohne jedoch ein Patentrezept für ein selbstbestimmtes und zugleich gesellschaftskonformes Leben mitzuliefern.

Amélies Traumwelt baut auf einem einfachen Konzept auf: Liebevoll neurotische, von Einzelschicksalen gebeutelte Träumer werden von ihr zurück ins Leben geschubst, während  egoistische, rücksichtslose, von Profitgier angetriebene Zeitgenossen wie der Gemüsehändler Collignon in ihre Schranken gewiesen werden.

Die Pariser Metrostation "Abbesses": Hier findet die erste Begegnung zwischen Amélie und Nino statt.

 

So sehr sie sich in das Leben ihrer Mitmenschen einmischt, so wenig ist sie gewillt, aus dem Ei ihrer hermetisch abgeriegelten Phantasiewelt zu schlüpfen. Als sie den verspielten, jedoch fest im Leben stehenden Nino kennenlernt, gerät sie in einen Entscheidungskonflikt: Nach halbherzigen Fluchtversuchen vor ihren Gefühlen für diesen Seelenverwandten ebnen ihr die ehemals von ihr liebkosten Mitmenschen den Weg ins Leben und- sie springt, lässt sich von ihren Instinkten leiten und kommt in ihrem Selbst an.

Der Zuschauer wird dort stehengelassen, wo Hollywoood-Liebesschulzen meist enden. Amélie nimmt ihn nicht an der Hand und führt ihn durch die Höhen und Tiefen des Daseins, sie lässt ihn am Uferrand verweilen und flüstert ihm einfühlsam und zugleich energetisch zu:

„Jetzt bist du an der Reihe: Spring!!!“

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Eindrucksvolle Zitate aus dem Film:
"Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar."
"Ohne dich wären die Gefühle von heute nur die leere Hülle der Gefühle von 
damals."
"Das Leben ist nichts anderes, als die endlose Probe einer Vorstellung, die 
niemals stattfindet."

 


Nichts als Kunst

Meine Damen und Herren,

ich will Ihnen nichts vormachen, auch ich muss meine Schokocroissants verdienen. Im Folgenden erhalten Sie exklusiven Einblick in mein künstlerisches Schaffen. Vor kurzem, also besser gesagt gestern Abend, habe ich begonnen, mich einer neuen Kunstreihe mit der übergeordneten Thematik „Kunst = Idee – x“ zu widmen. Das erste Öl-Gemälde ist fertig gestellt. Es trägt den Titel:

„Idee auf Leinwand“

 

 

"Idee auf Leinwand" / Öl auf Leinwand

 

Obiges Kunstwerk vereint Elemente der neo-experimentellen und der post-postmodernen Kunstströmung. Die Botschaft ist kurz und prägnant. Die Kontrastfarben weiß und schwarz sind mit Bedacht gewählt und stark symbolträchtig. Das Schwalbenweiß repräsentiert das Licht und die Idee, während das Schwarz die Monotonie, die Tristesse sowie die Ideenarmut des deutschen Beamtentums in romantischer Verklärung zum Ausdruck bringt. Die Idee des Bildes ist die Idee an sich. Als solche ist sie omnipräsent und synästhetisch.

 

Ein etwas älteres Kunstwerk, welches auch noch käuflich zu erwerben ist und schon den post-postmodernen Ansatz erahnen lässt, ist eine Skulptur aus Sperrholz. Sie trägt den Titel „Kreativ-chaotisches Potential“ und ist der Kunstreihe „Blau blau blau sind alle meine Farben, blau blau blau ist alles was ich hab“ zuzuordnen:

 

Kreativ-chaotisches Potential/ Öl auf Sperrholz

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, ich konnte Ihrem ästhetischen Kunstempfinden Flügel verleihen.

Bitte kontaktieren Sie mich unter: ichmachekunst-echtjetzt-ohnescheiß@schokocroissant.de

Herzlichste Grüße

Ihr Künstler


Sushi?- Nein danke, aber…

Ich habe ihn endlich aufgegeben, den Kampf mit, äh…. besser gesagt gegen den neuesten kulinar(r)ischen Trend aus Japan, der solch einen poetisch anmutenden Namen trägt: „Sushi“. So werde ich höchstwahrscheinlich mein nächstes Haustier taufen und ich hätte auch nichts dagegen, meine Küchenzeile mit Bildern dieser bunten kleinen Happen zu bestücken, aber in meinem Darm verursacht dieses wohlklingende Gericht leider nichts als Kakophonie. So war ich zunächst zwischen den Möglichkeiten hin- und hergerissen, eine Immunisierungskur durch den quantitativen Verzehr von Sushi auf Eigenverantwortung und ohne Absprache mit meinem Hausarzt durchzuführen oder mich und meinen Magen nicht länger mit den gefühlten 80.000 ekelerregenden Geschmacksrichtungen zu malträtieren und in Kauf zu nehmen, von einem beliebigen Trendmagazin als OUT abgestempelt zu werden. Ich erwische mich dennoch immer wieder dabei, durch die einladenden Fensterfronten diverser Sushibars zu stieren und wie hypnotisiert der Umlaufbahn des Laufbandes zu folgen, mich über die vielen bunten Farben und Formen der Häppchen zu freuen und mir innerlich zu denken:

„Oh wie süß..“

Quelle: Robson Oliveira/ http://www.sxc.hu

Ja, liebe Japaner, ihr habt uns Europäer um den Finger gewickelt und das Sprichwort „Das Auge isst mit“ wahr werden lassen. „Leider“, oder sollte ich sagen „Gott sei dank“ sind mir auf meiner Zunge bisher noch keine Augen gewachsen, sodass ich passen muss, meinem Geldbeutel eine Nulldiät erspare und mich auf weniger stylisches, dafür meinem Gaumen zugetaneres und kostengünstigeres Essen stürzen kann. Und wenn mich demnächst jemand fragt, ob ich Lust auf Sushi hätte, dann weiß ich jetzt schon, was ich darauf erwidern werde:

“Sushi? – Nein danke, aber darf ich ein Foto schießen?“