Schlagwort-Archive: Medien

Wie bewirkt man einen Rausschmiss aus dem „sozialen“ Netzwerk Facebook? – Ein Selbstversuch (Teil 1)

Vor kurzem habe ich ein mehrtägiges, wenn nicht mehrwöchiges exklusives, d.h. nur an meiner Wenigkeit getestetes Experiment ins Leben gerufen, welches das eine große Ziel verfolgt: eine Zwangslöschung oder -sperrung meines Accounts bei Facebook.

Die Regeln sind simpel, die Umsetzung dürfte jedoch umso anspruchsvoller sein:

– Die Richtlinien der facebookinternen AGBs müssen zu jedem Zeitpunkt beachtet und befolgt werden, d.h. es dürfen keine expliziten Beleidigungen, Drohungen, pornographischen Inhalte etc. gepostet werden.

– Ich darf niemanden damit beauftragen, mich bei Facebook anzuschwärzen.

Anmerkung:

Sicherlich wird es eine heikle Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem werden, denn jeder Nutzer verpflichtet sich zum Beispiel dazu, wahre Angaben über seine Person zu machen. So könnte eine Namensänderung in ein Synonym schon als Verletzung der Nutzerbedingungen gewertet werden.

 

Was ich beweisen möchte:

Es geht mir in dem Selbstversuch darum, die Toleranz des Unternehmens durch die expressive Manifestation einer Meinung, die sich nicht mit den Interessen der Betreiber deckt, auszureizen. Ich möchte verdeutlichen, dass Facebook keinesfalls eine Plattform der freien Meinungsäußerung und -bildung ist, sondern eine Interessengemeinschaft, die auf ihre eigenen Vorteile (finanzieller Art) fixiert ist und deren Maßnahmen sich an der Grenze zur Illegalität bewegen.

In erster Linie ist das „soziale“ Netzwerk eine raffiniert verpackte Maschinerie, die persönliche Daten erfasst und kommerziell nutzt. Wer einmal den Nutzerbedingungen zugestimmt hat, kommt meist nicht ohne Schaden aus der Community wieder heraus. Facebook behält sich das Recht vor, die Daten bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzubewahren, denn sie sind die Währung, mit der das Unternehmen jährlich Milliardenumsätze erzielt.

Seit 2 Jahren gerät Facebook Inc immer mehr in den Fokus öffentlicher Kritik, die Mitgliederzahl nimmt dennoch stetig zu. Mittlerweile nutzen 500 Millionen Menschen das Soziale Netzwerk regelmäßig, das ist mehr als die Einwohnerzahl Südamerikas und macht ca 7.24 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Es wird Zeit, den Blick für die Gefahren zu schärfen, die web-basierte soziale Netzwerke mit sich bringen können (nicht jedoch müssen, denn ich möchte ausdrücklich nicht alle Communities anprangern) und die Privatsphäre als ein Privileg der modernen Welt zu schätzen, anstatt sie leichtfertig zu verspielen.

 

1. Tag:

Ich knüpfe an die Problematik der vor wenigen Tagen publik gewordenen kurzzeitigen Zwangszensur des Wortes Lamebook durch Facebook an,  hier detaillierter nachzulesen, und mache von meiner Meinungsfreiheit, die Facebook angeblich so groß schreibt, Gebrauch.

Am 24. November 2010 gegen 16.00 Uhr habe ich folgende, durch rote Umkreisungen gekennzeichnete Änderungen an meinem Profil vorgenommen:

Ich habe meinen Benutzernamen in „Lame Book“ umgeändert und sowohl auf meiner Pinnwand als auf in dem linken oberen Kästchen, welches die momentane Aktivität beschreibt, den Kommentar „Lamebook“ gepostet.

Reaktion von Facebook: bisher keine.

 

 

Erläuterung:

Lamebook ist ein Parodieblog, das lustige Dialoge, Fotos, Statusmeldungen etc. aus der Facebook Community aufgreift und zur Diskussion stellt. Die Seite existiert seit April 2009 und befindet sich seit kurzem im Rechtsstreit mit Facebook Inc.

 

 

Exkurs:

 

Was Facebook und Co so attraktiv macht:

Facebook ist aus dem Leben vieler, vor allem junger Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Laut Angaben des Betreibers greifen rund die Hälfte der insgesamt 500 Millionen aktiven Nutzer täglich auf ihren Account zu. Das soziale Leben vieler Mitglieder verlagert sich somit zunehmend ins zentralisierte, übersichtlich strukturierte Web 2.0, in dem jeder Akteur die Person darstellen kann, die er immer schon zu sein hoffte und seine Freunde und Liebsten in unmittelbarer Nähe wähnt, während Unangenehmes ausgegrenzt bzw. blockiert wird. Es wird eine multimediale, utopische Pseudorealität geschaffen, in der Fiktives und Reales so stark miteinander verschmelzen, dass der User Erfahrungswerte im Web mit denen des gesellschaftlichen Lebens gleichsetzt. Anders gesagt: Die Interaktionen im Netzwerk ersetzen diejenigen des alltäglichen Lebens und lassen den Nutzer vergessen, dass er de facto nur am Schreibtisch sitzt und sich von der Außenwelt abschottet, anstatt an ihr teilzuhaben.

Ein ähnliches Phänomen ist bei Multiplayer-Online-Rollenspielen oder den längst überholten Chaträumen festzustellen, mit dem Unterschied, dass die Strategie von Facebook Inc darin besteht, den Menschen in einer familiären und vermeintlich privaten Atmosphäre so viele persönliche Daten wie möglich zu entlocken; d. h. hier wird mit der Ressource „Mensch“ Handel betrieben. Tatsächlich lässt sich der Nutzer bedenkenlos kommerziell ausschlachten, legt im Netz einen Daten- und Seelenstriptease ohnegleichen hin, während er bei Familienfesten lächelnderweise die Contenance bewahrt und sich in das bestmögliche Licht rückt.

Sicherlich, auch das Web 2.0 ist eine Bühne der Eitelkeit, der Selbstinszenierung, in der jeder hinzugefügte Kontakt der Aufwertung der eigenen Person dient, jedes hochgeladene Foto als Beweisobjekt eines erfüllten und bewegten Lebens fungiert und nicht alles für bare Münze genommen werden kann und darf. Zugleich ist es aber auch ein Kummerkasten, eine Projektionsfläche der eigenen Gedanken, Stimmungen und Ängste, die im realen Leben unausgesprochen bleiben, da sie dem gesellschaftlichen Konsens nicht entsprechen und als Schwäche gewertet würden.

Bei Facebook und Co sind solche intimen Ergüsse jedoch mehr als erwünscht und führen keineswegs zu Ablehnung. Im Gegenteil: Der Einzelne wird für die Offenheit, mit der er über seine Sorgen spricht, bewundert und mit Verständnis und Trost belohnt. Es entsteht eine vermeintliche Intimität und Vertrautheit, die außerhalb des Webs nur in privaten Gespräche unter sehr vertrauten Menschen zu erzielen ist. Eine Illusion, denn der Nutzer kreiert sich seine eigene heile Welt, die viel Raum für Phantasie und Eigeninterpretation lässt. Eine Konversation via Facebook-Nachrichtendienst oder -Chat zum Beispiel kann niemals eine Face-to-face-Kommunikation ersetzen, denn Mimik, Gestik und Intonation sind elementare Hilfsmittel, um eine eindeutige Botschaft zu vermitteln.

Auch bestimmt der Aspekt der Selbstinszenierung wesentlich die Interaktion im sozialen Netzwerk. Wer einen Kommentar auf die Pinnwand eines Freundes postet, der ist erstens auf Reziprozität bedacht, indem er erwartet, dass er eine Antwort in Form eines Eintrags auf der eigenen Seite erhält (was wiederum sein Profil aufwertet) und möchte zweitens mit dem Geschriebenen auf sich aufmerksam machen, d.h. möglichst viele interessante Details über sich implizit oder explizit preisgeben. Dies kann durch inhaltliche Anmerkungen geschehen (z.B. „Du warst im Skiurlaub? Ich fahre auch regelmäßig ins Skigebiet Ischgl!“) oder, indem Mitgefühl, Mitfreude etc. zum Ausdruck gebracht und somit die enge Bindung zwischen beiden Personen demonstriert wird. („Du bist krank? Oh, das tut mir leid, du Arme. Fühl dich gedrückt.“)

Jeder User möchte also ein möglichst günstiges Feedback erhalten und erreicht dies, indem er sich an dem simplen Belohnungssystem, auf dem soziale Netzwerke aufbauen, orientiert: Je aktiver er den angebotenen Service (Pinnwandeinträge, Nachrichtendienst, Chatdienst, Verlinkungssystem, um nur einige aufzuzählen) nutzt, umso mehr Kommunikationsverkehr wird sich in Bezug auf die eigene Profilseite einstellen. Er kann also nie enttäuscht werden, denn das Maß an erhaltener Bestätigung hängt von seinem eigenen Handeln ab. Somit ist die Cyberrealität um ein vielfaches übersichtlicher, gerechter und vorhersehbarer als die gesellschaftliche Interaktion es je sein kann.

 

Die Kehrseite der Medaille:

Die sozialen Netzwerke bedienen das Bedürfnis jedes Einzelnen nach Intimität, Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit und sozialen bzw. seelischen Kuscheleinheiten, doch warum und um welchen Preis?

Ist die fehlende Menschlichkeit und die Auflösung der sozialen Strukturen in der Welt die Basis, auf der Internet Communities wie Facebook zu einem weltweiten Massenphänomen wurden? Fehlt es den Menschen an Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft selbst zu verwirklichen und als Individuum zu behaupten?

Offenbar hat Facebook Inc, welches das erste soziale Netzwerk des sogenannten Web 2.0 entwickelte, eine Marktlücke entdeckt und gnadenlos ausgeschöpft. Das Suchtpotential solcher Communities ist hoch und nicht zu verachten. Hat der Nutzer einmal das Belohnungssystem verstanden und an ihm Gefallen gefunden, verlangt es ihn nach der täglichen Dosis Selbstbestätigung, um deren Willen er freizügig und fahrlässig mit seinen Daten umgeht.

Mark Zuckerberg, der Begründer des gigantischen Online-Netzwerks, konstatierte Anfang des Jahres, dass das Konzept „Privatsphäre“ im Facebook-Zeitalter überholt sei (hier nachzulesen). Eine Rechtfertigung für die Lockerung der Privatsphäreeinstellungen, die er Ende 2009 vornahm? Weitere Änderungen folgten.

Der Protest von Seiten der Nutzer ist bedingt vorhanden, leistet jedoch der Mitgliederzahl keinen Abbruch:

Offenbar toleriert man den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, denn er scheint das kleinere Übel zu sein gegenüber dem Austritt aus dem Netzwerk. Schließlich will man nicht zerstören, was man sich mühevoll über die Jahre hinweg aufgebaut hat, könnte man doch am Ende all die lieb gewonnen Freunde aus den Augen verlieren.

 

 

Ausblick auf Teil 2:

– Wieso sollte es Facebook interessieren, was ich als Einzelner auf meine Pinnwand poste?

– Wo bitteschön ist der Knopf zur Löschung meines Accounts versteckt und gibt es eine zeitsparendere Alternative?

– Wen hat Facebook eigentlich noch verklagt?