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WG Leben- Keine macht den Abwasch

… lautet eine Gruppe im bundesweiten sozialen Netzwerk studivz/ meinvz. „Ich habe erstmal ausreichend Erfahrung im Tellerstehenlassen gesammelt“, denkt sich Carsten, als er die letzte Ladung gewaschener Klamotten aus der Waschmaschine holt und auf den Dachboden zum Trocknen bringt. Während er die Fläche auf Wäscheleine und -ständer freischaufelt, lauscht er mit einem Ohr den Nochmitbewohnern beim Diskutieren, Lamentieren und Echauffieren:

WG Sitzung!

Eine Mitbewohnerin fühlt sich hintergangen, weil die anderen drei in einer konspirativen Zusammenkunft, die sie ausschloss, weil sie an diesem Wochenende zufällig bei ihren Eltern die Katze hüten musste, die Küche hellgelb und hellgrün gestrichen haben. Kirsten, die sich als Drahtzieherin dieser Aktion versteht, beteuert, dass es überhaupt nie geplant war, die Küche zu streichen, eigentlich sollte sie nur etwas umgestellt werden. Doch dann traten diese entsetzlichen Fettflecken zu Tage, die alle positiven Energien in dem Raum zu verschlingen drohten. Spontan beschlossen die Anwesenden, da die Küche sowieso eine einzige Baustelle war, noch mal schnell mit weißer Farbe grob über die Wände zu streichen, schließlich erhoffte man sich davon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

André ließ es sich auch hier nicht nehmen, seinen enormen Erfahrungsschatz zum Besten zu geben:

„Wenn wir die Wand mit reiner weißer Farbe streichen, wirkt die Küche matt und unfreundlich.“

Also einigten sich die drei auf einen leichten, fast unsichtbaren, jedoch glanzvollen Gelbstich. Während Kirsten und Carsten voller Elan den Inhalt der gelben Tube in den Eimer mit weißer Farbe quetschten, warteten sie vergeblich auf ein Stoppsignal von André. Die große Überraschung kam beim Umrühren. Das Farbergebnis: Gelb mit einem dezenten Weißstich.

Also klatschten sie die frisch angerührte Farbe auf zwei der Küchenwände. André schimpfte darüber, wie hässlich und kitschig dieses Gelb sei und dass der Raum nun jede Menge Licht fressen und noch kleiner als er sowieso schon ist wirken würde. Aus Mangel an weißer Farbe lautete der Kompromiss für die anderen Wände nun: ein frisches Apfelgrün.

Carsten lässt den leeren Wäschekorb auf dem Dachboden liegen und setzt sich in den Raum, in dem sich die Gewitterwolke breit macht. Entspannt schnappt er sich ein Glas und lässt sich Wein einschenken. Er sieht sich in dem Gemeinschaftsraum um, betrachtet jedes Einrichtungsdetail, versucht, es sich einzuprägen, damit er es noch im Rentenalter rekonstruieren kann, wenn er in Gegenwart seiner Enkelkinder von der alten Zeit schwärmen wird.

Nun dreht sich die Diskussion darum, dass Kirsten die Frechheit besessen hatte, ein mit australischen Giftquallen bedrucktes Seidentuch an eine Wand dieses Raumes zu hängen ohne Johanna, die Hintergangene, um Erlaubnis zu fragen. Die beiden männlichen Bewohner lehnen sich in ihren Stühlen zurück. Sie geben den Streithennen zu verstehen, dass das Anbringen und Umverteilen von Dekoartikeln in den heimischen 4 Wänden nicht in ihr Interessengebiet fällt und die Mädels sich nach Gutdünken austoben können.

„Ich weiß, dass du Angst vor Veränderungen hast“,

wirft Kirsten Johanna verständnisvoll vor,

„aber ich möchte, dass du dich in dieser WG einbringst, dass du etwas von dir selbst hineinsteckst.“

„Ich finde den Raum schön so wie er ist. Er ist praktisch und das genügt mir“, entgegnet die spindeldürre Johanna genervt. „Und mir gefällt dieses Tuch nicht, es macht den Raum dunkel, ich möchte, dass die Wände weiß bleiben.“

„Und mir gefällt die Tonvase nicht“, antwortet Carsten, wohl wissend, dass Johanna die Einzige ist, die diesem Plunder etwas abgewinnen kann.

„Die Vase bleibt“, giftet sie ihn daraufhin erbost an.

„Na gut, ich habe hier sowieso nichts mehr zu melden, ich ziehe ja aus“, beschwichtigt er sie und verspürt sogleich das Bedürfnis, ihr seine heimlichen Gedanken als Abschiedsgeschenk hinterherzuknallen:

„Gott sei dank!“