Begegnung

Meine Augen kleben an deinen Lippen, die Verständnis ausdrücken.

Du umschmeichelst mein Wesen mit allem was du bist und wenn der neue Tag anbricht

werde ich nicht mehr wissen, ob das alles real war oder nur eine Phantasie.

Und dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte

wenn ich für einen kurzen Moment die Zeit hätte austricksen können.

Und jetzt schreibe ich sie in Gedanken in den Wind.

Weiß, dass sie dich nie erreichen werden

und dass eine Begegnung nie wieder das gleiche in mir auslösen könnte

wie in dieser Abendstunde, als deine Seele mir Vertrauen zuzwinkerte.

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese Sekunde,

in der ich den Atem der Freiheit auf meiner Haut spüre und vergesse,

dass die Zeit den Rhythmus des Lebens vorgibt.

Dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte,

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese eine Sekunde.

Diese Tür hat der Wind der Zeit zugeschmettert,

abgestorbene Blätter legen sich wie traurige Erinnerung auf die ausgetrocknete Erde,

 eine andere Tür hat sich geöffnet und es wird nie wieder so sein, nie wieder so sein

wie in dieser einen Sekunde als ich dich liebte mit allem was ich zu sein hoffte und nicht war.

Jetzt stehe ich an der Türschwelle zu einem neuen Abschnitt und warte darauf,

dass du mich zurück zu dir ziehst und mich in deine schützenden Arme fallen lässt.

Doch du bist nicht da, kannst nicht die Sehnsucht in meinen Augen ablesen.

Und dies sind die Worte, die ich dir unbemerkt ins Ohr geflüstert hätte,

wenn ich für einen kurzen Moment die Zeit hätte austricksen können.

Ich liebe dich, ich liebe dich, nur für diese eine Sekunde.

Das Gefühl vergeht, aber die Erinnerung bleibt.

Ich liebte dich, ich liebte dich, nur in dieser einen Sekunde, als ich die Zeit austricksen konnte.

Und es kein Morgen mehr gab.


Berliner Frühling

Der Berliner Frühling kommt verhältnismäßig spät. Er hat seinen eigenen Rhythmus, so wie fast alles hier. Du bist nie alleine, selbst an den verborgensten Orten nicht, deine Ideen gehören nie ganz dir, haben immer Vorreiter und Nachahmer. Manchmal passiert es, dass du den Startschuss nicht hörst und sich eine Horde von Menschen bereits dort versammelt hat, wo du auf ein bisschen Ruhe und ländliche Idylle gehofft hattest. Der Geruch von frisch gegrilltem Nackensteak steigt in deine Nase, Federbälle oder Fußbälle fliegen dir entgegen, Kindergeschrei betäubt deine Ohren, herumtollende Hunde bringen dich fast zu Fall und du fragst dich ganz ernsthaft, was die Menschenmassen bitteschön in deinem Lieblingspark zu suchen haben. Dann kommt die plötzliche Eingebung, dass die Stadt Berlin, die, im Gegensatz zu dir, nie zur Ruhe kommt, dir im Schlaf deine Ideen stibitzt und du nie mit ihr Schritt halten kannst, so sehr du es auch versuchst.

Ein kleines gemütliches Café, sagen wir in Kreuzberg, bleibt nicht lange unentdeckt. Hast du dich gestern noch über die familiäre Atmosphäre, die akkuraten Preise, die freundliche und schnelle Bedienung und die bequeme Sitzgelegenheit gefreut, kann es passieren, dass ein spitzfindiger Journalist dein kleines Kuchenparadies als Geheimtipp in einem Berliner Magazin veröffentlicht und es zum Menschenmagneten avanciert. Der Schuss ist gefallen, du hast ihn gehört, laut und deutlich, und weißt, dass du dir eine neue Anlaufstelle für ruhige Stunden suchen musst, wenn du dich nicht vom Strom der Menge mitreißen lassen willst. Manchmal will ich das, unter Menschen sein, unter Fremden, mir Geschichten über sie ausdenken, die ich aus aufgesammelten Gesprächsfetzen zusammenflicke. Ich lausche ihrer Stimmen, versuche herauszufinden, wo sie herkommen, mustere sie von Kopf bis Fuß, nur um festzustellen, dass meine Observationen immer auf die eine selbe Frage hinauslaufen.

„Was hat dich nach Berlin getrieben“, höre ich mich leise sagen. Dann bin ich wieder still, breite eine Zeitung auf dem Tisch aus, lese ein paar Zeilen, blicke von der Lektüre mit einem verstohlenen Grinsen auf und freue mich, hier zu sein, in meinem Berlin, das täglich sein Gesicht wechselt und mir dennoch so vertraut ist.


Pollen schwirren wie Träume durch die Luft, landen auf der Erde und werden wieder aufgeschleudert, als ich mir den Weg zu einem verwinkelten Bereich des Treptower Parks freikämpfe. Der verlassene Karpfenteich glitzert in der Sonne, lädt zum Baden ein. Ich tauche meine Fußspitzen darin ein, lasse sie im Takt der Wellen tanzen und verspüre das Bedürfnis, ganz im Wasser zu versinken, fast so, wie ich in dieser Stadt versunken bin. Seit ich hier wohne, habe ich vergessen, wann das Träumen aufhört und das Leben beginnt. Alles fühlt sich authentisch und doch surreal an.

Plötzlich, bevor der Plan, nach Berlin zu ziehen, aus den Kinderschuhen schlüpfen konnte, hatte ich meine alten Möbel verkauft oder verschenkt, meinen Mitbewohnern herzzerreißende Abschiedsworte hinterher gerufen, mir das Nötigste unter die Arme geklemmt und fand mich auf Umzugskisten sitzend in einem kleinen WG-Zimmer in Alt-Treptow wieder.

Was mich nach Berlin gezogen hat, kann ich nicht genau sagen. War es die Idee einer Stadt, in der jeder seinesgleichen findet und die Entfaltungsmöglichkeiten schier unerschöpflich scheinen? Die Sehnsucht nach etwas Neuem, für das es sich zu kämpfen lohnen würde? Die Einsicht, Altem nicht hinterher zu trauern? Oder der Wunsch, die Vergangenheit systematisch zu verdrängen? Vielleicht ist das Leben so banal, dass man seinen Handlungen nichts Heroisches, Symbolträchtiges, märchenhaft Verklärtes nachweisen kann. Vielleicht tun wir alles im Leben aus einer inneren Notwendigkeit heraus, die keinen Spielraum für Kreativität lässt. Ich habe aufgehört, mich über meine Entscheidungen zu wundern, und angefangen, zu realisieren, dass ich Teil einer Masse bin, die ihre mit Ideen und Hoffnungen gefüllten Koffer nach Berlin schleppt und auf das kleine bisschen Glück setzt. Alle diese Menschen verändern täglich das Bild der Stadt und lassen Berlin zu einer Insel der Zuflucht, einem Asyl für Träumer werden, das so viele Wahrheiten beherbergt wie es Einwohner zählt.

Meine Wahrheit liegt auf dem Dachboden meiner Eltern unter alten Schulheften vergraben. Als ich das Gefühl hatte, dass man mir den Boden unter den Füßen wegreißen wollte, klammerte ich mich an diesen alten Erinnerungen fest und begann mich zu fragen, welcher Teil meiner Kindheit noch in mir lebendig ist und welcher gestorben war. Der Blick schweifte flüchtig auf eine Mappe, die das Wort „Kreatives“ zierte. Ich begann mich in die Geborgenheit meiner geschriebenen Worte einzulümmeln und friedlich einzuschlafen. Am nächsten Morgen musterte ich noch einmal die Gravur meines Verlobungsringes, legte ihn in eine Schachtel und wies ihr den Platz zu, den bis zum Tag zuvor meine Romanskizzen okkupiert hatten. Dann packte ich etwas Geld, Verpflegung und die nötigsten Klamotten ein und lief zum nächsten Bahnhof, um ein Ticket nach Berlin zu lösen. Ich verschickte 10 Kurznachrichten mit dem Wortlaut „Ich ziehe nach Berlin“, schaltete sofort darauf mein Mobiltelefon aus und grinste in mich hinein, als mir die Worte „jetzt oder nie“ über die Lippen glitten.

Der Zug fuhr langsam aus dem Bahnhof. Ich fühlte mich befreit und verspürte im selben Moment eine Angst, die ich so noch nicht kannte. Meiner Gegenwart beraubt schwebte ich im luftleeren Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft, unsicher, was der nächste Tag, die nächsten Wochen und Monate bringen würden. Ich wusste, dass es an der Zeit war, etwas Neues zu schaffen, mein Potential auszuschöpfen und den Weg zu gehen, den ich mich die ganzen Jahre nicht zu gehen getraut hatte. Es gab keine Geborgenheit mehr, in die ich mich hätte begeben können, um das Leben abzuschotten und das Ticken der Zeit zu ignorieren. Es gab kein Zurück. Ich war entwaffnet und doch nie zuvor so sehr ich selbst wie in diesem Moment, in dem mein blanker Überlebenswille das Ruder übernahm. Ich hatte den inneren Kampf gegen den Teil von mir, der aufgeben und sich an die Vergangenheit klammern wollte, überstanden. Jetzt musste ich noch das Leben überstehen.


Du

Dein Blick drückt tiefe Traurigkeit aus,
ein Tränenmeer entweicht ihm,
ich schwimme dir darin entgegen,
strecke meine Hand nach dir aus.
Du schaust mir beim Ertrinken zu,
und fragst mich, mit tief verletzter Stimme,
warum ich dich nicht lieben kann
und dass du es nicht verdient hast,
geliebt zu werden.
Ich antworte mit stummem Entsetzen
kurz bevor sich die Augen für immer schließen
und ich vergesse, dass mein Leben einmal mir gehörte.


Ansichten eines Nichtkünstlers – ein fiktives Interview

AS:

Christian Höfer, Sie sind Begründer einer sich rapide ausbreitenden Künstlerbewegung, die sich „Keine Kunst“ nennt. Wo kommen Sie her und was ist Ihre Botschaft?

Christian H:

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass sich „Keine Kunst“ als Projekt versteht, das alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens tangiert und somit eine Gesamtheitlichkeit impliziert, die das Denken in Kategorien wie Kunst und Leben als unzeitgemäß enttarnt. Wir scheuen den Begriff Künstlerbewegung, wenn überhaupt sind wir eine Anti-Künstler-Bewegung. Ich persönlich bevorzuge die Bezeichnung „gesamtweltliches Konzept“.

AS:
Sie sehen sich demnach als den Begründer eines postmodernen gesamtweltlichen Konzeptes.

Christian H:

Das habe ich so nicht gesagt. Die Postmoderne stellt einen winzigen Abschnitt, nur einen Augenschlag im Weltgeschehen dar. Unser Konzept erhebt den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, wir möchten uns nicht in das gemachte Nest einer schnelllebigen In-Kultur setzen.

AS:

Sie profitieren aber von dieser In-Kultur.

Christian H:

Sicher, das lässt sich nicht abstreiten. Unser Werbeslogan „Zurück zur Natur- Nieder mit der Kunst“ hat starke Resonanz bei denjenigen Menschen, die die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst nicht mehr hinnehmen wollen und können, gefunden. Ich bin der Ansicht, dass Kunst nicht mehr zeitgemäß ist, „keine Kunst“ jedoch schon immer existiert hat und immer existieren wird. Es brauchte nur einen Mutigen, der die Wahrheit offen ausspricht.

AS:

Und der sind Sie.

Christian H:

Das sind im Grunde alle Menschen, die sich durch unsere Initiative ermutigt fühlen, endlich mal Tacheles zu reden. Wir haben aus hilflosen und verzweifelten jungen Menschen, die sich unverstanden fühlten, selbstbewusste Persönlichkeiten gemacht. Darauf bin ich sehr stolz, dafür hat sich die harte Arbeit und die Zeit, die wir investieren mussten, gelohnt.

AS:

Können Sie ein bisschen erzählen, wie die Arbeit an Ihrem Projekt aussieht. Sie sprechen oft von „Wir“. Wer sind die Drahtzieher der Bewegung.

Christian H:

Zunächst einmal ist der Name Programm. Wir, also das ist im Kern eine Gruppe von 10 Personen, verfolgen kurz gesagt die Intention, keine Kunst zu machen – und das mit Leidenschaft. Wir stehen in der Öffentlichkeit und im Fokus der Medien, wurden zunächst als Protestbewegung verschrien, nicht ernst genommen, mit negativer Kritik überhäuft, skeptisch beäugt. Spinner seien wir, da unsere Forderungen und Ziele unrealistisch und nicht umsetzbar seien. Wir haben gekämpft, uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Der Erfolg hat uns recht gegeben: Wir haben es geschafft, die Masse für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren.

AS:

Wie beziehen Sie Stellung in der Gesellschaft? Wie sieht nun Ihre Tätigkeit konkret aus?

Christian H:

Das werde ich häufig gefragt. Nun, ich mache keine Kunst. Das ist meine Tätigkeit, grob umrissen. In der Praxis sieht es so aus, dass ich, um nur ein Beispiel zu nennen, nackt an einem Graffito vorbeilaufe. Ich stelle in meinem Adamskostüm, der unverfälschten Natur, ein Gegenkonzept zu der gängigen Praxis, jeden dahergemalten Strich als Kunst zu bezeichnen, dar.

AS:

Sie müssen jedoch zugeben, dass solcherlei Aktionen nun wieder den Charakter einer Protestkultur aufweisen.

Christian H:

Ganz und gar nicht! Unsere Vorstellungen kongruieren lediglich nicht mit dem weit verbreiteten Kunstkonzept. Wir möchten die Kunst nicht ins Lächerliche ziehen, das schafft sie auch ohne uns. Wir stellen natürlich ein Gegenkonzept zur Kunst dar, weil letztere nun einmal zur gesellschaftliche Norm geworden ist. Unser aller Leben wird fremdbestimmt, und zwar durch die Kunst. Die Kunst ist manipulativ, unumgänglich, korrupt. Überall in der Stadt sieht man so sch…. Graffiti. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, ich bin außer mir vor Wut…. Vernissage, Finissages, ich kann es nicht mehr hören. …Wir wollen wenn überhaupt dann nur im Stillen protestieren, denn wir versuchen unter allen Umständen zu verhindern, dass dahergelaufene–

AS:

Dahergelaufene Striche?

Christian H:

Nein, bitte lassen Sie mich ausreden. Wir möchten nicht, dass dahergelaufene Kunstkenner uns eine künstlerische Botschaft unterstellen. So einfach ist das.

AS:

Wie kamen Sie auf den Begriff „Keine Kunst“. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber er erinnert stark an die Terminologie Kunst.

Christian H:

Nun, eine gewisse Wortverwandtschaft ist den beiden Begriffen anzumerken, da haben Sie recht. Der Begriff „Keine Kunst“ ist in einer intensiven Phase der Kreativ- und Ideenlosigkeit entstanden und richtete sich natürlich vorrangig gegen das Schubladendenken in willkürlichen Kategorien und gegen die Verbreitung künstlerischen Gedankenguts, welches eine Gefahr für die Struktur unserer Gesellschaft und nicht zuletzt eine Gefahr für den Bestand unserer Demokratie darstellt. Wir wollen nicht zulassen, dass die Grundpfeiler unserer Gesellschaft mit Graffiti besprüht und auf derartige Weise untermauert werden.

AS:

Ich danke für dieses Interview.


Wo ist das Teeei geblieben?

Die Hochzeitsfeier des frisch vermählten Ehepaares Schreiben- Zwiebelfisch wurde von unangenehmen Zwischenfällen überschattet. Zunächst musste sich die nervlich angespannte Braut Wilma schiere Unverschämtheiten von ihren Schwiegereltern anhören. Dabei hatte sich die junge Frau solche Mühe gegeben, bei der Familie ihres frisch Angetrauten mit ihrem Charme und intellektuellen Auftreten zu punkten. Nun machte dieses eine Wort, das unmissverständlich auf ihre Person bezogen war, alle Bemühungen der letzten 5 Jahre zunichte. Für den Rest des Abends rang Wilma sprichwörtlich nach Atem, suchte den Hochzeitssaal nach einer Sauerstoffflasche ab, während das Wort „Seeelefant“ wie ein Brandmal auf ihre Stirn geschrieben war.

Inbrünstig hoffte sie darauf, dass die Zeit schneller vergehen würde und sie noch eine Weile die Contenance bewahren könne. Sie umarmte und küsste ihren Mann Ernst leidenschaftlich, um sich ein wenig in seiner Geborgenheit zu wähnen, während sie ihm zärtlich ins Ohr flüsterte, wie sehr sie sich auf die gemeinsame Hochzeitsreise, die Schifffahrt zu den Hawaiiinseln, freue. Dann erschien die Schwiegermutter wie aus dem Nichts und machte sich daran, die romantische Stimmung  restlos zu zerstören. Sie schob Wilma an ihre Seite heran.

„Entschuldige, mein Liebes. Aber ich muss wegen einer dringenden Angelegenheit mit dir sprechen. Apropos, wenn du willst, darfst du mich jetzt auch duzen, also ich meine das lässt sich ja nicht vermeiden, wo du nun mit meinem Sohn verheiratet bist. Apropos, wann wollt ihr eigentlich Kinder und geht das überhaupt bei deinem Gewicht? Versteh mich nicht falsch, ich wünsche mir nur so sehr ein Enkelkind.“

Wilma schoss das Blut in ihren Kopf, so brodelte innerlich und war kurz davor, zu explodieren. Die dreiste Schwiegermutter erkannte ihren Fauxpas und war nun bemüht, die Sache schnell auf den Punkt zu bringen.

„Es tut mir leid, meine Liebe, ich meine das nicht so. Selbstverständlich könnt ihr euch mit dem Kinderkriegen noch Zeit lassen, bloß keine Eile, sieh du zu, dass du erst einmal einen vernünftigen Beruf ausübst.“

Wilma begann zu fauchen: „AAAHrrrgggg!!!“

„Bitte unterbrich mich nicht, wenn ich gerade im Redefluss bin. Also. Das, worauf ich eigentlich hinauswollte, hat nichts mit dieser Hochzeit zu tun, zumindest nicht vordergründig. Es geht um Tante Gitti, sie ist sehr erbost wegen deines Verhaltens.“

„Bitte??!! Was habe ich denn getan?“

„Bitte unterbrich mich nicht. Du hast dir vor langer Zeit ein Teeei ausgeliehen und es ihr bis jetzt noch nicht zurückgebracht. Es ist aus Gold und zudem ein Familienerbstück.“

Wilma begann zu lachen.

„Ich bitte dich, Kind, die Angelegenheit ist alles andere als amüsant.“

„Doch, das ist sie, sie ist so dämlich, dass man einfach lachen muss. Warte hier kurz.“

Die junge Frau sprintete zielstrebig zur Bar hinüber, schnappte sich ein Weizenglas und stellte eine wahllose Mischung aus herumstehenden Spirituosen zusammen. Diese trank sie in einem Zug leer, sprang wie eine Irre quer durch den Saal, wobei sie die Anmut eines übermütigen Rehkitz gepaart mit der Ästhetik einer Dampfwalze gekonnt zu verkörpern wusste.

Dann plötzlich stockten ihre Bewegungen. Sie schien sich kurzfristig für eine Planänderung entschieden zu haben. Auf direktem Weg lief sie auf die Bühne, schnappte sich das Mikrophon, deutete der Band an, die Musik einzustellen, und begann ihre Rede.

„Meine lieben Gäste, Freunde, Verwandten, Verschwägerten, Verbrüderten …. und auch alle anderen, die sich nicht angesprochen fühlen! Ich freue mich, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid, um diesen wunderschönen Tag mit uns gemeinsam zu etwas Unvergesslichem werden zu lassen. Ich habe den Ernst meines Lebens gefunden und der Ernst seine Wilma Schreiben. Es gibt nun eine Sache, die einen kleinen Schatten auf die Feierlichkeiten wirft. Es ist bekannt, dass ich einen großen Schatten werfe, jedoch aus genau diesem Grund passe ich hervorragend in die Familie meines Mannes hinein. Wir sind alle kleine Moppelchen, ist das nicht wahr, meine liebe Schwiegermutter? Dafür kann ich mit Recht behaupten, dass sich die Größe meines Herzens proportional zu meinem Körpergewicht verhält. Ich besitze die Fähigkeit, Menschen zu vergeben, die mir etwas Böses wollen, bzw. hinter meinem Rücken über mich tratschen. Allerdings, um wieder zu dem Schatten zurückzukommen: Es gibt etwas, das ihr nicht über mich wisst. Ich bin nicht die, von der ihr glaubt, dass ich es bin. Ich bin die Doppelgängerin der echten Wilma Schreiben-Zwiebelfisch. Bitte hört euch meine Geschichte in Ruhe an und urteilt dann erst über mich. Ich bin das Opfer von intriganten und kriminellen Machenschaften. Alles begann mit einem Teeei, dem Teeei der Tante Gitti. Sie schenkte es der echten Wilma, vergaß jedoch aus Gründen, die ich netterweise auf ihr Alter schiebe, dass es ein Geschenk war und wollte es zurückfordern. Da das Teeei mit einem goldenen Schriftzug versehen war und es sich bei dem Gegenstand um ein Familienerbstück handelte, entschloss sich Wilma kurzerhand, das Teeei für viel Geld zu verkaufen und anschließend nach Argentinien zu flüchten. Dort lebt sie heute in Saus und Braus. Ich wurde unter Androhung des Todes gezwungen, in Wilmas Rolle zu schlüpfen und musste den Ernst des Lebens auf grausame Weise kennenlernen. Nun habe ich eine Frage an dich Schatz. Liebst du mich trotzdem?“

Mit ihren flinken Augen suchte Wilma jeden Winkel des Hochzeitssaals ab. Ernst war nicht zu finden. Sie riss einem Gast die Bierflasche aus der Hand, um ihre Unsicherheit zu verbergen und sich Mut anzutrinken. Da plötzlich hörte sie ein Schnarchen, das sie sofort wiedererkannte.

„Ernst“, schrie sie.

Die Blicke der Gäste richteten sich auf einen schnarchenden, sabbernden Mann, der in der Mitte des Raumes lag und friedlich vor sich hin döste. Die Menschenmasse entfernte sich von dem Bräutigam, so dass die falsche Wilma freie Sicht auf das ganze Elend hatte. Nach kurzem Überlegen gab sie der Band ein Zeichen, weiterzuspielen.

„Aber diesmal was Romantisches“, rief sie voller Begeisterung und mit Freudentränen in ihren Augen den jungen Männern zu.


Berlin/er im Winterschlaf

Warten auf den Frühling

 


Vom Traumtänzeln

„Ich habe einen Traum, der sich symptomatisch durch mein Leben zieht. Ich bin die Seiltänzerin, die in 20 Metern Höhe über dem Publikum schwebt, die mit geschmeidigen Fußbewegungen ein schmales Drahtseil betanzt, besingt, bezwingt und in den Bann ihrer majestätischen Aura zieht. Es ist einer dieser mächtigen Momente, die den weiteren Verlauf deines Lebens maßgeblich bestimmen. Und dieser Moment kommt, glaub mir, ob du nun dafür bereit bist oder nicht… Ich wache schweißgebadet auf.“

„Wieso wachst du schweißgebadet auf?“

„Naja, weil ich gesiegt habe, verstehst du, dort oben auf dem Seil, da lebe ich meinen Traum. Diese Sekunden, in denen du zu kämpfen aufhörst, weil die Welt zu einer synästhetischen Einheit verschmilzt und du plötzlich spürst, wie der Geruch der Freiheit über deine Haut streift, die sind, die sind…

…die sind wunderschön und doch nicht real. Eine Illusion, verstehst du? Die Seiltänzerin hat vergessen, dass es ein Publikum gibt und das Publikum hat nicht bemerkt, dass sie existiert. Es schaut nicht in den Himmel, es blickt auf die Erde. Und dann weiß sie, dass sie nur eine Erscheinung, nur eine Projektion der Ängste und Hoffnungen ihrer Zuschauer ist, dass sie einzig und alleine in den Träumen anderer Menschen lebendig ist.“

„Bist du oft die Seiltänzerin?“

„Ja. Sehr oft und immer wieder stecke ich meine ganze Hoffnung in etwas, das nie Realität sein wird. Ich möchte gesehen, gehört, bewundert werden. Es passiert einfach nie, keine Seele schaut zu mir hinauf.“

„Und dann fällst du?“

„Nein, ich falle nicht, ich löse mich in Luft auf, höre auf, zu sein. Immer wieder.“

„ Du musst springen, das ist deine einzige reelle Chance, gesehen zu werden. Nicht schweben, sondern fallen.“

„Ja, wenn ich soweit bin, dass ich das Tanzen verlernt habe, dann werde ich auf dem rauen Asphalt aufkommen und mir vornehmen, glücklich zu sein.“

„Glaubst du, dass du das erreichst?“

„Manchmal, in kurzen Momenten des Durchatmens, wenn ich aufhöre, zu kämpfen, ich die Augen schließe und von einem besseren Leben träume, nur dann werde ich wirklich glücklich sein.“

 


Das Märchen von der Liebe

Ein zermürbender Strom von Bildern, Impressionen, Geräuschen und Gerüchen fließt unaufhaltsam an meinem geistigen Auge vorbei, sobald ich deinen Namen ausspreche oder mit den Spitzen meiner Lippen forme. Er bettet die Gegenwart in einen Film der Bedeutungslosigkeit ein und spült sie mit sich hinfort. Was bleibt ist ein einziges Gefühl der Sehnsucht, die Zeit, das Leben zurückzuholen.

Du hast dich nicht bei mir verabschiedet, wohl wissend, dass ich nicht anders handeln könnte, als immer wieder zu dir zurückzukehren. Einmal tat ich es und als mich das Gefühl des reinen Glückes durchdrang, ich in deinem Park Saltos schlug und mir fest vornahm, für den Rest meines Lebens dort zu bleiben, da wusste ich, dass es für mich Zeit war zu gehen. Ich stieg in den Flieger ein und landete geradewegs in der nüchternen Realität.

Du bist ein Fremder in einer fremden Stadt. Erst verstehst du nichts, dann verstehst du alles und willst, dass es nie aufhört zu sein, wie es sich in diesen Momenten, in denen du in eine beliebige Rolle hineinschlüpfen kannst, anfühlt. Du passt nie ganz hinein in diese Welt, verschlingst gierig ihre Sahnehäubchen und hältst ihre Märchenkulisse aus Gerüchen, Farben, Lauten, Melodien für die höchste Form des Seins.

 

A random street in Valencia/Spain

Dann sonnt sich deine geheilte Seele im Schein der Existenz. Ein Märchen der Liebe, genährt von dem neuen, besseren, schweißtreibenden Wahnsinn. Alles ist stimmig, du bist eins mit der Welt, bis das Haltbarkeitsdatum abläuft und du feststellst, dass sich die Zeit nicht aufhalten lässt. Ein Intermezzo nur, ein kurzes Durchatmen und du bist derselbe, der du vorher warst, mit dem Unterschied, dass der Schmerz der Erinnerung dich lebendig macht und du beginnst, zu sein.


Märry Christmäs!

 

Diesen Winter hat die Bahn einmal mehr bewiesen, dass bei wirklich jedem Wetter Verlass auf ihre Unpünktlichkeit ist. Das Unternehmen bedankt sich ganz herzlich für das unendliche Verständnis seiner Kunden und verweist den erbosten, in der Kälte wartenden Fahrgast auf den erfolgsversprechenden 10-Jahres Plan zur Behebung dieses Problems.

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Bahn „ä Märry Christmäs“, das Sie hoffentlich nicht auf dem Gleise, sondern im Kreise der Familie feiern werden.

 

 

Auch die Äppelwoi-Fraktion möchte noch Weihnachtsgrüße loswerden:

 

Auch ich möchte in diesem Sinne frei nach Loriot postulieren:

„Ein Leben ohne Weihnachtsstress ist möglich, aber sinnlos.“

Ich wünsche allen Bloggern, Nichtbloggern, Optimisten, Pessimisten, Nihilisten und allen, die sich zwischendrin ansiedeln, ein angenehmes, harmonisches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2011.


Die Last mit den Weihnachtsgeschenken

Alle Dezemberwochenenden laufen, seitdem ich denken kann, nach dem gleichen Schema ab: Vom 01. bis zum 24. des Monats steigt die Zahl der in Fußgängerzonen und Geschenkläden umherirrenden Individuen und deren Verzweiflung proportional an, während die Besinnlichkeit am Tag vor Weihnachten ihren Tiefpunkt erreicht hat. Wer dann noch nach dem perfekten Geschenk für die Liebsten, die Schwiegermütter, Verschwägerten, Verschwipschägerten etc. sucht, dem steht ganz deutlich die Phrase: „Ich hasse Weihnachten“ auf sämtlichen sichtbaren Körperteilen geschrieben.

Die Reziprozität ist die große Bürde, die auf dem Konzept „Weihnachten“ lastet und es in Anbetracht seiner ursprünglichen Idee eines Festes der Liebe zu einer Farce verkommen lässt. Eine Bereicherung für die Konsumindustrie, eine Nervenprobe für den Bürger.

Auch meine Eltern stellen sich seit Jahren der großen Herausforderung, meinen Großeltern sinnvolle Weihnachtsgeschenke zu machen und der damit einhergehenden Frage: „Womit kann man älteren Leuten, die nach eigener Bekundung schon alles haben, was sie brauchen, eine Freude bereiten?“

Dieses Jahr ist alles vermeintlich einfacher. Meine Oma hat tatsächlich einen Wunsch geäußert, nachdem sie an die 20 Jahre beteuerte, schon alles zu haben und nichts zu wollen.

Sie möchte einen neuen Kassettenspieler.

Da sag ich nur danke, liebe Oma, dass du uns bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken dieses Jahr so ungemein entgegenkommst.


WG Leben- Keine macht den Abwasch

… lautet eine Gruppe im bundesweiten sozialen Netzwerk studivz/ meinvz. „Ich habe erstmal ausreichend Erfahrung im Tellerstehenlassen gesammelt“, denkt sich Carsten, als er die letzte Ladung gewaschener Klamotten aus der Waschmaschine holt und auf den Dachboden zum Trocknen bringt. Während er die Fläche auf Wäscheleine und -ständer freischaufelt, lauscht er mit einem Ohr den Nochmitbewohnern beim Diskutieren, Lamentieren und Echauffieren:

WG Sitzung!

Eine Mitbewohnerin fühlt sich hintergangen, weil die anderen drei in einer konspirativen Zusammenkunft, die sie ausschloss, weil sie an diesem Wochenende zufällig bei ihren Eltern die Katze hüten musste, die Küche hellgelb und hellgrün gestrichen haben. Kirsten, die sich als Drahtzieherin dieser Aktion versteht, beteuert, dass es überhaupt nie geplant war, die Küche zu streichen, eigentlich sollte sie nur etwas umgestellt werden. Doch dann traten diese entsetzlichen Fettflecken zu Tage, die alle positiven Energien in dem Raum zu verschlingen drohten. Spontan beschlossen die Anwesenden, da die Küche sowieso eine einzige Baustelle war, noch mal schnell mit weißer Farbe grob über die Wände zu streichen, schließlich erhoffte man sich davon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

André ließ es sich auch hier nicht nehmen, seinen enormen Erfahrungsschatz zum Besten zu geben:

„Wenn wir die Wand mit reiner weißer Farbe streichen, wirkt die Küche matt und unfreundlich.“

Also einigten sich die drei auf einen leichten, fast unsichtbaren, jedoch glanzvollen Gelbstich. Während Kirsten und Carsten voller Elan den Inhalt der gelben Tube in den Eimer mit weißer Farbe quetschten, warteten sie vergeblich auf ein Stoppsignal von André. Die große Überraschung kam beim Umrühren. Das Farbergebnis: Gelb mit einem dezenten Weißstich.

Also klatschten sie die frisch angerührte Farbe auf zwei der Küchenwände. André schimpfte darüber, wie hässlich und kitschig dieses Gelb sei und dass der Raum nun jede Menge Licht fressen und noch kleiner als er sowieso schon ist wirken würde. Aus Mangel an weißer Farbe lautete der Kompromiss für die anderen Wände nun: ein frisches Apfelgrün.

Carsten lässt den leeren Wäschekorb auf dem Dachboden liegen und setzt sich in den Raum, in dem sich die Gewitterwolke breit macht. Entspannt schnappt er sich ein Glas und lässt sich Wein einschenken. Er sieht sich in dem Gemeinschaftsraum um, betrachtet jedes Einrichtungsdetail, versucht, es sich einzuprägen, damit er es noch im Rentenalter rekonstruieren kann, wenn er in Gegenwart seiner Enkelkinder von der alten Zeit schwärmen wird.

Nun dreht sich die Diskussion darum, dass Kirsten die Frechheit besessen hatte, ein mit australischen Giftquallen bedrucktes Seidentuch an eine Wand dieses Raumes zu hängen ohne Johanna, die Hintergangene, um Erlaubnis zu fragen. Die beiden männlichen Bewohner lehnen sich in ihren Stühlen zurück. Sie geben den Streithennen zu verstehen, dass das Anbringen und Umverteilen von Dekoartikeln in den heimischen 4 Wänden nicht in ihr Interessengebiet fällt und die Mädels sich nach Gutdünken austoben können.

„Ich weiß, dass du Angst vor Veränderungen hast“,

wirft Kirsten Johanna verständnisvoll vor,

„aber ich möchte, dass du dich in dieser WG einbringst, dass du etwas von dir selbst hineinsteckst.“

„Ich finde den Raum schön so wie er ist. Er ist praktisch und das genügt mir“, entgegnet die spindeldürre Johanna genervt. „Und mir gefällt dieses Tuch nicht, es macht den Raum dunkel, ich möchte, dass die Wände weiß bleiben.“

„Und mir gefällt die Tonvase nicht“, antwortet Carsten, wohl wissend, dass Johanna die Einzige ist, die diesem Plunder etwas abgewinnen kann.

„Die Vase bleibt“, giftet sie ihn daraufhin erbost an.

„Na gut, ich habe hier sowieso nichts mehr zu melden, ich ziehe ja aus“, beschwichtigt er sie und verspürt sogleich das Bedürfnis, ihr seine heimlichen Gedanken als Abschiedsgeschenk hinterherzuknallen:

„Gott sei dank!“


Wie bewirkt man einen Rausschmiss aus dem „sozialen“ Netzwerk Facebook? – Ein Selbstversuch (Teil 1)

Vor kurzem habe ich ein mehrtägiges, wenn nicht mehrwöchiges exklusives, d.h. nur an meiner Wenigkeit getestetes Experiment ins Leben gerufen, welches das eine große Ziel verfolgt: eine Zwangslöschung oder -sperrung meines Accounts bei Facebook.

Die Regeln sind simpel, die Umsetzung dürfte jedoch umso anspruchsvoller sein:

– Die Richtlinien der facebookinternen AGBs müssen zu jedem Zeitpunkt beachtet und befolgt werden, d.h. es dürfen keine expliziten Beleidigungen, Drohungen, pornographischen Inhalte etc. gepostet werden.

– Ich darf niemanden damit beauftragen, mich bei Facebook anzuschwärzen.

Anmerkung:

Sicherlich wird es eine heikle Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem werden, denn jeder Nutzer verpflichtet sich zum Beispiel dazu, wahre Angaben über seine Person zu machen. So könnte eine Namensänderung in ein Synonym schon als Verletzung der Nutzerbedingungen gewertet werden.

 

Was ich beweisen möchte:

Es geht mir in dem Selbstversuch darum, die Toleranz des Unternehmens durch die expressive Manifestation einer Meinung, die sich nicht mit den Interessen der Betreiber deckt, auszureizen. Ich möchte verdeutlichen, dass Facebook keinesfalls eine Plattform der freien Meinungsäußerung und -bildung ist, sondern eine Interessengemeinschaft, die auf ihre eigenen Vorteile (finanzieller Art) fixiert ist und deren Maßnahmen sich an der Grenze zur Illegalität bewegen.

In erster Linie ist das „soziale“ Netzwerk eine raffiniert verpackte Maschinerie, die persönliche Daten erfasst und kommerziell nutzt. Wer einmal den Nutzerbedingungen zugestimmt hat, kommt meist nicht ohne Schaden aus der Community wieder heraus. Facebook behält sich das Recht vor, die Daten bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzubewahren, denn sie sind die Währung, mit der das Unternehmen jährlich Milliardenumsätze erzielt.

Seit 2 Jahren gerät Facebook Inc immer mehr in den Fokus öffentlicher Kritik, die Mitgliederzahl nimmt dennoch stetig zu. Mittlerweile nutzen 500 Millionen Menschen das Soziale Netzwerk regelmäßig, das ist mehr als die Einwohnerzahl Südamerikas und macht ca 7.24 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Es wird Zeit, den Blick für die Gefahren zu schärfen, die web-basierte soziale Netzwerke mit sich bringen können (nicht jedoch müssen, denn ich möchte ausdrücklich nicht alle Communities anprangern) und die Privatsphäre als ein Privileg der modernen Welt zu schätzen, anstatt sie leichtfertig zu verspielen.

 

1. Tag:

Ich knüpfe an die Problematik der vor wenigen Tagen publik gewordenen kurzzeitigen Zwangszensur des Wortes Lamebook durch Facebook an,  hier detaillierter nachzulesen, und mache von meiner Meinungsfreiheit, die Facebook angeblich so groß schreibt, Gebrauch.

Am 24. November 2010 gegen 16.00 Uhr habe ich folgende, durch rote Umkreisungen gekennzeichnete Änderungen an meinem Profil vorgenommen:

Ich habe meinen Benutzernamen in „Lame Book“ umgeändert und sowohl auf meiner Pinnwand als auf in dem linken oberen Kästchen, welches die momentane Aktivität beschreibt, den Kommentar „Lamebook“ gepostet.

Reaktion von Facebook: bisher keine.

 

 

Erläuterung:

Lamebook ist ein Parodieblog, das lustige Dialoge, Fotos, Statusmeldungen etc. aus der Facebook Community aufgreift und zur Diskussion stellt. Die Seite existiert seit April 2009 und befindet sich seit kurzem im Rechtsstreit mit Facebook Inc.

 

 

Exkurs:

 

Was Facebook und Co so attraktiv macht:

Facebook ist aus dem Leben vieler, vor allem junger Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Laut Angaben des Betreibers greifen rund die Hälfte der insgesamt 500 Millionen aktiven Nutzer täglich auf ihren Account zu. Das soziale Leben vieler Mitglieder verlagert sich somit zunehmend ins zentralisierte, übersichtlich strukturierte Web 2.0, in dem jeder Akteur die Person darstellen kann, die er immer schon zu sein hoffte und seine Freunde und Liebsten in unmittelbarer Nähe wähnt, während Unangenehmes ausgegrenzt bzw. blockiert wird. Es wird eine multimediale, utopische Pseudorealität geschaffen, in der Fiktives und Reales so stark miteinander verschmelzen, dass der User Erfahrungswerte im Web mit denen des gesellschaftlichen Lebens gleichsetzt. Anders gesagt: Die Interaktionen im Netzwerk ersetzen diejenigen des alltäglichen Lebens und lassen den Nutzer vergessen, dass er de facto nur am Schreibtisch sitzt und sich von der Außenwelt abschottet, anstatt an ihr teilzuhaben.

Ein ähnliches Phänomen ist bei Multiplayer-Online-Rollenspielen oder den längst überholten Chaträumen festzustellen, mit dem Unterschied, dass die Strategie von Facebook Inc darin besteht, den Menschen in einer familiären und vermeintlich privaten Atmosphäre so viele persönliche Daten wie möglich zu entlocken; d. h. hier wird mit der Ressource „Mensch“ Handel betrieben. Tatsächlich lässt sich der Nutzer bedenkenlos kommerziell ausschlachten, legt im Netz einen Daten- und Seelenstriptease ohnegleichen hin, während er bei Familienfesten lächelnderweise die Contenance bewahrt und sich in das bestmögliche Licht rückt.

Sicherlich, auch das Web 2.0 ist eine Bühne der Eitelkeit, der Selbstinszenierung, in der jeder hinzugefügte Kontakt der Aufwertung der eigenen Person dient, jedes hochgeladene Foto als Beweisobjekt eines erfüllten und bewegten Lebens fungiert und nicht alles für bare Münze genommen werden kann und darf. Zugleich ist es aber auch ein Kummerkasten, eine Projektionsfläche der eigenen Gedanken, Stimmungen und Ängste, die im realen Leben unausgesprochen bleiben, da sie dem gesellschaftlichen Konsens nicht entsprechen und als Schwäche gewertet würden.

Bei Facebook und Co sind solche intimen Ergüsse jedoch mehr als erwünscht und führen keineswegs zu Ablehnung. Im Gegenteil: Der Einzelne wird für die Offenheit, mit der er über seine Sorgen spricht, bewundert und mit Verständnis und Trost belohnt. Es entsteht eine vermeintliche Intimität und Vertrautheit, die außerhalb des Webs nur in privaten Gespräche unter sehr vertrauten Menschen zu erzielen ist. Eine Illusion, denn der Nutzer kreiert sich seine eigene heile Welt, die viel Raum für Phantasie und Eigeninterpretation lässt. Eine Konversation via Facebook-Nachrichtendienst oder -Chat zum Beispiel kann niemals eine Face-to-face-Kommunikation ersetzen, denn Mimik, Gestik und Intonation sind elementare Hilfsmittel, um eine eindeutige Botschaft zu vermitteln.

Auch bestimmt der Aspekt der Selbstinszenierung wesentlich die Interaktion im sozialen Netzwerk. Wer einen Kommentar auf die Pinnwand eines Freundes postet, der ist erstens auf Reziprozität bedacht, indem er erwartet, dass er eine Antwort in Form eines Eintrags auf der eigenen Seite erhält (was wiederum sein Profil aufwertet) und möchte zweitens mit dem Geschriebenen auf sich aufmerksam machen, d.h. möglichst viele interessante Details über sich implizit oder explizit preisgeben. Dies kann durch inhaltliche Anmerkungen geschehen (z.B. „Du warst im Skiurlaub? Ich fahre auch regelmäßig ins Skigebiet Ischgl!“) oder, indem Mitgefühl, Mitfreude etc. zum Ausdruck gebracht und somit die enge Bindung zwischen beiden Personen demonstriert wird. („Du bist krank? Oh, das tut mir leid, du Arme. Fühl dich gedrückt.“)

Jeder User möchte also ein möglichst günstiges Feedback erhalten und erreicht dies, indem er sich an dem simplen Belohnungssystem, auf dem soziale Netzwerke aufbauen, orientiert: Je aktiver er den angebotenen Service (Pinnwandeinträge, Nachrichtendienst, Chatdienst, Verlinkungssystem, um nur einige aufzuzählen) nutzt, umso mehr Kommunikationsverkehr wird sich in Bezug auf die eigene Profilseite einstellen. Er kann also nie enttäuscht werden, denn das Maß an erhaltener Bestätigung hängt von seinem eigenen Handeln ab. Somit ist die Cyberrealität um ein vielfaches übersichtlicher, gerechter und vorhersehbarer als die gesellschaftliche Interaktion es je sein kann.

 

Die Kehrseite der Medaille:

Die sozialen Netzwerke bedienen das Bedürfnis jedes Einzelnen nach Intimität, Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit und sozialen bzw. seelischen Kuscheleinheiten, doch warum und um welchen Preis?

Ist die fehlende Menschlichkeit und die Auflösung der sozialen Strukturen in der Welt die Basis, auf der Internet Communities wie Facebook zu einem weltweiten Massenphänomen wurden? Fehlt es den Menschen an Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft selbst zu verwirklichen und als Individuum zu behaupten?

Offenbar hat Facebook Inc, welches das erste soziale Netzwerk des sogenannten Web 2.0 entwickelte, eine Marktlücke entdeckt und gnadenlos ausgeschöpft. Das Suchtpotential solcher Communities ist hoch und nicht zu verachten. Hat der Nutzer einmal das Belohnungssystem verstanden und an ihm Gefallen gefunden, verlangt es ihn nach der täglichen Dosis Selbstbestätigung, um deren Willen er freizügig und fahrlässig mit seinen Daten umgeht.

Mark Zuckerberg, der Begründer des gigantischen Online-Netzwerks, konstatierte Anfang des Jahres, dass das Konzept „Privatsphäre“ im Facebook-Zeitalter überholt sei (hier nachzulesen). Eine Rechtfertigung für die Lockerung der Privatsphäreeinstellungen, die er Ende 2009 vornahm? Weitere Änderungen folgten.

Der Protest von Seiten der Nutzer ist bedingt vorhanden, leistet jedoch der Mitgliederzahl keinen Abbruch:

Offenbar toleriert man den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, denn er scheint das kleinere Übel zu sein gegenüber dem Austritt aus dem Netzwerk. Schließlich will man nicht zerstören, was man sich mühevoll über die Jahre hinweg aufgebaut hat, könnte man doch am Ende all die lieb gewonnen Freunde aus den Augen verlieren.

 

 

Ausblick auf Teil 2:

– Wieso sollte es Facebook interessieren, was ich als Einzelner auf meine Pinnwand poste?

– Wo bitteschön ist der Knopf zur Löschung meines Accounts versteckt und gibt es eine zeitsparendere Alternative?

– Wen hat Facebook eigentlich noch verklagt?

 


Last 7 Days

Die letzten Überbleibsel der 3. Jahreszeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was kommt, was bleibt?

 

 

 

Johanneskirche in Gießen in ein Lichtermeer getaucht

 

 

Baufälliges Gebäude in Gießens Zentrum

Baufälliges Gebäude in Gießens Zentrum


Ein Stück Vergangenheit

Der Keller:

Ein lebloser, dunkler und etwas gruseliger Ort, scheinbar abgetrennt von der Außenwelt, dem Rhythmus des Lebens. Ein schwarzes Loch im Labyrinth der Zeit. Hier verschwinden Gegenstände, die keiner will oder braucht, hier werden Erinnerungen vergraben, die zu hässlich sind, um sie mit sich herumzuschleppen oder so schön sind, dass ihre alltägliche Präsenz zu starke Sehnsüchte wecken würde.

Und manchmal liegen im Keller auch die Schicksale fremder, mitunter lange verstorbener Menschen verborgen. Dann verwandelt er sich in einen Ort, an dem die Vergangenheit aus den Geschichtsbüchern heraustritt und beginnt, real zu werden. Wir verbeugen uns ehrfürchtig vor dem Leben, der Zeit, entsetzen uns über das Maß an Grausamkeit, das Menschen einander zufügen können, beteuern, dass sich dieses graue Kapitel der deutschen Geschichte nie wiederholen wird, so inbrünstig, dass wir beginnen, unsere eigene Lüge zu glauben, und fassen am nächsten Tag den Entschluss, unsere Erinnerungsstücke künftig nur noch auf dem Dachboden zu lagern.

 

Kellerraum im Mehrfamilienhaus

 


Goethe babbelt hessisch

Es ist gemeinhin bekannt, dass absolut niemand auf der Welt in absolut nichts perfekt ist. So viel zu der niederschmetternden Botschaft des Tages und nun zu der aufbauenden:

„Niemand ist perfekt und vor allem der Hesse nicht.“



Kurze Pflichtbelehrung an den Leser: 
Das Zitat ist urheberrechtlich geschützt gemäß § 2 des HsSB G (Hessen sind Spaßbremsen Gesetz)

So ist die Vorzeigefigur der deutschen Literaturgeschichte, das Allround-Genie schlechthin, von einem Schönheitsfehler der besonderen Art beseelt: Dem hessischen Akzent.

Das ultimative Beweisobjekt: Faust- Der Tragödie erster Teil, welches zusammen mit Faust- Der Tragödie Zweiter Teil als Johann Wolfgang von Goethes Hauptwerk gelten mag. Die Bemühungen des gebürtigen Frankfurters, einen schriftdeutschen, über die regionalen Grenzen hinaus verständlichen Schreibstil zu verfolgen, haben nicht immer zu einem fruchtbaren Ergebnis geführt.

Es steht außer Frage, dass Goethe im Falle der nachfolgend zitierten Verse auf die Konsultierung eines Reimlexikons gänzlich verzichtete:

„Ach neige,

Du Schmerzensreiche“  (Szene: Zwinger)

hessische Phonologie: „Ach neische, du Schmerzensreische“

Nicht auszudenken, wie Goethe reagiert hätte, wenn er sich der Tatsache bewusst gewesen wäre, dass er dem engelsgleichen Gretchen einen unreinen Reim in den Mund gelegt hatte. Wir können nur Mutmaßungen anstellen, im schlimmsten aller Fälle hätte er in Ermangelung eines Ersatzreimes die Veröffentlichung des Faust womöglich an den Nagel gehängt. Insofern ist die Tatsache, dass Goethe gebürtiger Hesse war, Makel und Segen zugleich. Also bitte, dass sich niemand mehr über den hessischen Dialekt echauffiert oder mokiert. Nicht zuletzt wird es der literaturbegeisterte Leser zu würdigen wissen, dass sich das Genie der enormen Herausforderung stellte, seinen außerordentlich reimfähigen Heim-Dialekt, der kaum harte Konsonanten kennt und sich so weich wie Butter ausspricht, zugunsten des störrischen und unverschämt reimarmen Standartdeutschen abzulegen.

Des Weiteren haben sich zweifelhafte grammatikalische Strukturen der hessischen Mundart in Faust 1 verewigt:

„Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;“  (Szene: Nacht)

Die Formulierung „als wie“ verleiht dem werkeigenen Aphorismus „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ (Szene: Prolog im Himmel) eine ganz neue Dimension. Sicherlich, ein poetischer Wert ist ihr nicht abzusprechen, das ändert jedoch nicht das Geringste daran, dass sie im hohen Maße grammatikalisch inkorrekt ist.

Natürlich müsste Faust lamentieren: „Und bin so klug wie zuvor.“, doch wie würde das auf den Leser wirken? Fad und gewöhnlich.

Apropos, um den Spekulationen bezüglich der höheren anthropologischen Bedeutung von Goethes letzten Worten „Mehr Licht“ ein Ende zu setzten:

Das Genie wollte nicht etwa der Nachwelt eine grandiose Lebensweisheit vermachen, sondern einfach nur zum Ausdruck bringen, dass ihm sein Allerwertester juckt. Er war zu schwach, um seinen letzten Satz bis zum Ende ausformulieren, der wie folgt lauten sollte:

„Määr licht hier so schläscht.“


Scream the rain away!

„Der Schrei“ von Edvard Munch
Werdegang:
- 1 Mal geklaut
- 1 Mal mit dem Messer attackiert

Standort:
Munch-museet Oslo

                                          ©introspektrum

"Der untote Schrei"

Werdegang:
- NOCH nicht geklaut, ABER 1 Mal verlegt
- 0 Mal mit dem Messer attackiert, ABER von der Kaffeetasse gemobbt
- 1 Eselsohr, das zweite ist in Arbeit

Standort:
Unter Brotkrümeln auf meinem Schreibtisch

There`s something about Amélie

Die Welt der Amélie Poulan ist allgegenwärtig. Sie steckt nicht nur in den Köpfen all derer Menschen, die den Kunstgriff des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, Gedanken und Fantasien einer in sich gekehrten, identitätssuchenden jungen Frau mit der gelebten Realität eines Pariser Viertels verschmelzen zu lassen, als Metapher ihrer eigenen Weltwahrnehmung verstehen. Ein Blick in das heimische Schreibwarengeschäft beweist: Auch im geringfügig pulsierenden Kleinstadtleben hat Amélies glanzvoll-kitschige Phantasiewelt Einzug  gehalten.

In stoischer Haltung bewacht die in dem Kassenschlager „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zum Leben erweckte Nachttischlampe das Tor zum Land der Träumer und hoffnungslosen Romantiker, während sie denjenigen Passanten, die nicht mehr an die kleinen alltäglichen Wunder glauben, die allzu geradlinig denken und realitätsbezogen sind, mit verspottender Hochnäsigkeit begegnet. Bin ich einer dieser Träumer? -Bejahendes Nicken.

Ich würde Herrn Schweinslampe gerne mitnehmen, damit er sich nicht weiter über diese penetrant realistischen Menschen ärgern muss. Ich kann förmlich spüren, wie er behutsam gegen die Fensterscheibe klopft, gerade so laut, dass ich es vernehmen kann, und mir zuflüstert:

„Du da, kleines Mädchen, trete ein und nimm mich mit.“

„Ich kann nicht, du bist mir zu teuer.“

Herr Schweinslampe wird sich daraufhin räuspern und mir eine Kolonie von Vorwürfen ins Gesicht donnern:

„Ich habe dich beobachtet, jeden Tag seitdem ich hier stehe und ich weiß genau, wer du bist und was du treibst. Du hast vergessen, wer wir sind.“

„Nein, das habe ich nicht, ganz bestimmt nicht.“ werde ich ihm empört entgegnen.

„So, meinst du…. Dann verrate mir: Wie oft hast du in letzter Zeit in Träumen schwelgend zum Himmel aufgeblickt? Wann hast du dich das letzte Mal in eine Menschenmasse gestellt, die Augen geschlossen und nichts als das Pochen deines Herzens und die wärmenden Sonnenstrahlen auf deiner Haut wahrgenommen? Wann hast du zuletzt deine Mitmenschen mit einem Lächeln angesteckt? Wie lange ist es her, dass du mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Tag begrüßt hast? „

„Lächerlich. Wozu soll das gut sein? Ich habe alles erreicht, wovon ich als Kind geträumt habe.“

„Du hast keine Träume mehr? Wofür lebst du dann?“

„Ich habe keine Zeit für solche Kindereien, ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen. Da bleibt das Träumen auf der Strecke.“

„Das Leben fängt im Kleinen an. Alles um dich herum lebt, spürst du das nicht? In jedem Wassertropfen steckt eine eigene Welt, jeder Grashalm erzählt seine Geschichte. Willst du es zulassen, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben verstummen?“

„Was weißt du schon vom Leben?“

„Naja, ich beobachte es jeden Tag durch diese Scheibe. Die Menschen scheinen nicht sehr glücklich zu sein, obwohl sie meinen, dass sie alles hätten. Sie setzten die falschen Prioritäten.“

„Du weißt nicht, was es bedeutet, zu leben. „

„Dann hol mich hier raus und lass mich an deinem Leben teilhaben.“

„Nein, das geht nicht.“

„Wieso denn nicht? „Wenn du so viel Geld besitzt wie du sagst, wieso kaufst du mich nicht und stellst mich neben dein Bett?““

„Weil ich das Geld schon anderweitig verplant habe.“

„Nein, nicht das Geld, sondern dein Leben hast du anderweitig verplant.“

„Mag sein, ich muss gehen, ich habe keine Zeit mehr.“

Ich kehre der Welt der Amélie erbost den Rücken zu. Während ich mich behutsam und mit lautlosen Schritten von dem Schreibwarenladen entferne realisiere ich, dass ich soeben von einem Schwein im Schlafmantel beleidigt wurde. Wutentbrannt stampfe ich durch die Fußgängerzone, als ich das Echo eines Schreies wahrnehme. „Wofür lebst du?!!“ Ich bleibe stehen und beobachte die Passanten, die meinen Weg kreuzen. Sie beachten mich nicht, sehen durch mich hindurch oder blicken mechanisch auf den Boden vor sich. Mein Entschluss steht fest- ich stelle Herrn Schweinslampe zur Rede. Als ich Sekunden später erneut vor dem Schaufenster stehe ist mein Widersacher verstummt und erstarrt. Sein unfreundlicher und hochnäsiger Blick lässt mich erkennen, dass dieses Objekt nur eine dämliche, überteuerte, aus massivem Kunststoff gefertigte Nachttischlampe ist.

Der Film „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ erzählt vom Träumen und vom Leben. Bevor die Protagonistin ihre Träume leben kann, muss sie zuerst ihr Leben träumen.

Jeunets Meisterwerk stellt das gängige Wertekonzept der westlichen Welt,  in dem Geld als höchstes erstrebenswertes Ziel und Motivationsgrundlage des Handelns gilt, in Frage, ohne jedoch ein Patentrezept für ein selbstbestimmtes und zugleich gesellschaftskonformes Leben mitzuliefern.

Amélies Traumwelt baut auf einem einfachen Konzept auf: Liebevoll neurotische, von Einzelschicksalen gebeutelte Träumer werden von ihr zurück ins Leben geschubst, während  egoistische, rücksichtslose, von Profitgier angetriebene Zeitgenossen wie der Gemüsehändler Collignon in ihre Schranken gewiesen werden.

Die Pariser Metrostation "Abbesses": Hier findet die erste Begegnung zwischen Amélie und Nino statt.

 

So sehr sie sich in das Leben ihrer Mitmenschen einmischt, so wenig ist sie gewillt, aus dem Ei ihrer hermetisch abgeriegelten Phantasiewelt zu schlüpfen. Als sie den verspielten, jedoch fest im Leben stehenden Nino kennenlernt, gerät sie in einen Entscheidungskonflikt: Nach halbherzigen Fluchtversuchen vor ihren Gefühlen für diesen Seelenverwandten ebnen ihr die ehemals von ihr liebkosten Mitmenschen den Weg ins Leben und- sie springt, lässt sich von ihren Instinkten leiten und kommt in ihrem Selbst an.

Der Zuschauer wird dort stehengelassen, wo Hollywoood-Liebesschulzen meist enden. Amélie nimmt ihn nicht an der Hand und führt ihn durch die Höhen und Tiefen des Daseins, sie lässt ihn am Uferrand verweilen und flüstert ihm einfühlsam und zugleich energetisch zu:

„Jetzt bist du an der Reihe: Spring!!!“

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Eindrucksvolle Zitate aus dem Film:
"Das Recht auf ein verpfuschtes Leben ist unantastbar."
"Ohne dich wären die Gefühle von heute nur die leere Hülle der Gefühle von 
damals."
"Das Leben ist nichts anderes, als die endlose Probe einer Vorstellung, die 
niemals stattfindet."

 


What would Shakespeare say?

Manchmal brennt mir die Frage unter den Nägeln, was passieren würde, wenn berühmte Persönlichkeiten, die in der Zeit vor der Moderne wirkten, aus ihren verrotteten Gräbern auferstünden und einen Fuß auf die Erde setzten. Ich meine nicht, was mit uns passieren würde, denn wir würden ihre Präsenz höchstwahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, sondern mit diesen bedauernswürdigen anachronistischen Gestalten, die sich womöglich in einem anderen Universum wähnten.

Würden sie, nach dem überwundenen Kulturschock (sofern von Kultur überhaupt die Rede sein kann) glauben, dass die Welt aus den Rudern geraten wäre oder könnten sie mit Stolz behaupten, dass ihr Einfluss noch immer sichtbar sei und er die Welt in einen wertvolleren Lebensraum verwandelt habe?

Hält man sich die Standardaussage der meisten Senioren („Früher war alles besser.“) vor Augen, bleibt eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die untoten Tattergreise nur ein einziges gutes Haar an unserer Lebensform lassen würden.

Wie dem auch sei, eines weiß ich sicher: Shakespeare würde sich darüber freuen, dass seine plays noch heute auf den Theaterbühnen der Welt aufgeführt werden. Könnte ich einen Tag mit dem Genie verbringen, würde ich ihm ganz bestimmt, aus Rücksicht auf seine Blutdruckwerte, (oder was weiß ich, mit welchen Gebrechen Untote zu kämpfen haben) verheimlichen, dass Generationen von Schülern es als Qual empfinden, seine Werke zu lesen und zu interpretieren.

Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit einem verschmitzten Grinsen ankündigen:

„I`m gonna scare the hell out of you. Just watch what mankind has achieved.“

Ich werde über jeden Zweifel, dass er meine moderne amerikanische Gossensprache nicht versteht, erhaben sein und ihm die technischen, kulturellen und sozialen Errungenschaften meiner Epoche näher bringen. Mit viel Glück entlocke ich ihm ein gefälliges Nicken.

Er wird mir viele Fragen über den Nutzen von Gesellschaftsstrukturen, politischen Systemen, elektrischen Geräten oder Gegenständen, die wie selbstverständlich Teil unserer Welt sind, stellen und ich werde mir die größte Mühe geben, sie zu seiner vollen Zufriedenheit zu beantworten. Mit jeder erörterten Frage wird meine Nervosität wachsen, da ich mir bewusst bin, dass sich nicht jedes Phänomen der modernen Welt hinreichend erklären lässt.

Und dann kommt sie, die niederschmetternde Frage…

Wir betreten eine bekannte Buchhandelskette und Shakespeare schmökert in seinen Werken, die er als Reklamausgabe in der Abteilung der literarischen Klassiker gefunden hat. Er hält einen Diskurs über die große Errungenschaft der Buchdruckkunst. Wir stellen uns an der Kasse an, vor uns warten Menschen, die Dekoartikel in Händen halten. Shakespeare wirft ihnen einen herablassenden Blick zu, und flüstert mir zu:

„I thought illiteracy isn`t an issue any more in the modern world.“

Ich zucke mit den Schultern und entgegne ihm:

„No, it isn`t. They know how to read, they just feel like decorating their homes.“

Shakespeare beweist Humor, indem er in schallendes Gelächter ausbricht. Als wir zur Kassiererin gebeten werden und das Literaturgenie es mir überlässt, die Gesamtwerkausgaben von 15 englischsprachigen Autoren zu bezahlen und ich ihm gerade verklickern will:

„You confuse me with somebody who has money.“

nimmt das Grauen seinen Lauf. Die hervorragend geschulte Angestellte wedelt mit einem Werbeprospekt vor unseren Nasen herum und erklärt uns mit einem unvergleichbaren Glänzen in ihren Augen, dass der e-Reader am darauffolgenden Montag exklusiv in dieser Buchhandelskette zu erwerben sei und ob wir schon einen vorbestellen wollen. Shakespeare erbleicht auf der Stelle. Um den Schein zu wahren, frage ich sie höflich, was es denn mit einem e-Reader auf sich habe.

„Der e-Reader, den es für den Spottpreis von 139 Euro zu kaufen gibt, ist ein digitales Buch mit Touchscreen, auf dem Sie komplette Bücher hochladen und lesen können.“

entgegnet es wie aus der Kanone geschossen. Ich frage, ob die Bücher kostenlos hochgeladen werden können. Sie antwortet, dass sie etwas billiger als die gedruckten Bücher seien. Ich verkneife mir einen Kommentar und bezahle die ausstehende Rechnung.

Beim Verlassen der Buchhandlung bemerke ich, wie sich der Brite verwirrt an der Schläfe kratzt. Die Situation ist nicht mehr zu kitten. Eine bedrohliche Enge liegt in der Luft, die mir die Kehle zuschnürt. Ich ringe nach Luft. Meiner Gesundheit zuliebe entschließe ich mich dazu, das Unvermeidbare zu beschleunigen.

„What is wrong?“

frage ich meinen Begleiter.

Er räuspert sich, sucht mit seinen durchdringenden Augen den Blickkontakt zu mir, während alles auf die eine niederschmetternde Frage hinausläuft:

„What on earth do you need an e-book for?“

Ich ringe nach Atem. Er insistiert:

„What kind of idiot would prefer such a thing to a printed book?“

Ich sacke in mir zusammen, in Sekundenschnelle verliere ich den Glauben an die Fortschrittlichkeit der Menschheit seit Erfindung des Buchdruckes, die Zuversicht darin, dass es für alles auf der Welt eine logisch nachvollziehbare Begründung gibt.

Ich ergebe mich der Paradoxie und Inkohärenz menschlichen Waltens auf Erden und antworte ihm als gebrochenes, desillusioniertes Menschenkind:

„I have not the slightest idea.“


Indian Summer in the City

 

Selten habe ich so viel Gefallen an dem Farbenspiel des Herbstes gefunden wie in diesem Jahr.

Let it fall, let it fall, let it fall, lalala…

 

 

 


Nichts als Kunst

Meine Damen und Herren,

ich will Ihnen nichts vormachen, auch ich muss meine Schokocroissants verdienen. Im Folgenden erhalten Sie exklusiven Einblick in mein künstlerisches Schaffen. Vor kurzem, also besser gesagt gestern Abend, habe ich begonnen, mich einer neuen Kunstreihe mit der übergeordneten Thematik „Kunst = Idee – x“ zu widmen. Das erste Öl-Gemälde ist fertig gestellt. Es trägt den Titel:

„Idee auf Leinwand“

 

 

"Idee auf Leinwand" / Öl auf Leinwand

 

Obiges Kunstwerk vereint Elemente der neo-experimentellen und der post-postmodernen Kunstströmung. Die Botschaft ist kurz und prägnant. Die Kontrastfarben weiß und schwarz sind mit Bedacht gewählt und stark symbolträchtig. Das Schwalbenweiß repräsentiert das Licht und die Idee, während das Schwarz die Monotonie, die Tristesse sowie die Ideenarmut des deutschen Beamtentums in romantischer Verklärung zum Ausdruck bringt. Die Idee des Bildes ist die Idee an sich. Als solche ist sie omnipräsent und synästhetisch.

 

Ein etwas älteres Kunstwerk, welches auch noch käuflich zu erwerben ist und schon den post-postmodernen Ansatz erahnen lässt, ist eine Skulptur aus Sperrholz. Sie trägt den Titel „Kreativ-chaotisches Potential“ und ist der Kunstreihe „Blau blau blau sind alle meine Farben, blau blau blau ist alles was ich hab“ zuzuordnen:

 

Kreativ-chaotisches Potential/ Öl auf Sperrholz

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, ich konnte Ihrem ästhetischen Kunstempfinden Flügel verleihen.

Bitte kontaktieren Sie mich unter: ichmachekunst-echtjetzt-ohnescheiß@schokocroissant.de

Herzlichste Grüße

Ihr Künstler


Die Welt aus der Sicht eines Freikirchlers

Guten Tag,

mein Name ist Paul. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, ein Freikirchler, um genau zu sein. Ich wache jeden Morgen mit einem Gebet auf und gehe mit dem Segen Gottes ins Bett. Letzterem verdanke ich nicht nur meiner Gläubigkeit, sondern auch der Angehörigkeit zur richtigen Glaubensgemeinschaft.

Unsere Gemeinde hat sich von einer kleinen Brüdergemeinde, die lediglich in der mittelhessischen Region vertreten ist, abgespalten, welche wiederum eine Abspaltung einer Abspaltung der ursprünglichen Abspaltung von der evangelisch-lutherischen Kirche darstellt. Was soll ich sagen, wir sind eine kleine Gemeinde und demzufolge darf ich Ihnen die erfreuliche Mitteilung überbringen, dass noch genügend Platz im Himmel für Sie alle zur Verfügung steht : )

Allerdings bedeutet dies auch, dass wir auf kleine Spenden unserer Gäste angewiesen sind. So gehört es bei uns zum guten Ton und stellt zugleich eine Bereicherung für die Allgemeinheit dar, dass unsere besonders gläubigen und gutherzigen Mitglieder ihr Hab und Gut der Gemeinde vermachen (Häuser, Lebensversicherungen etc.), ihren vom Glauben abgekommenen Kindern aber dennoch den Pflichtanteil vom Erbe zugestehen.

Die Nächstenliebe hat in unserem Leben höchste Priorität. So beten wir oft und gerne für die Ungläubigen, denen wir im alltäglichen Leben begegnen, und bitten Gott, ihnen den Weg zum ewigen Leben zu erleichtern. Wir sind offen und freundlich gegenüber neuen Gesichtern in unserer Gemeinde. Um in unseren Kreis aufgenommen zu werden, müssen sich die Anwärter jedoch zunächst bewährt haben, d. h., nur wer ein gotteswürdiges Leben führt und Jesus in sein Herz gelassen hat und unsere Glaubensdoktrinen als einzige Wahrheit akzeptiert hat, der wird Teil unserer Gemeinde sein.

Wir verstehen uns nicht als missionierende Gemeinde. Alles, was wir uns erhoffen, ist, dass die Menschen in unserem Umfeld aufgrund der guten Argumente, die wir ihnen vorbringen, freiwillig zu unserem Glauben übertreten. Dabei ist es wichtig, auch tolerant gegenüber denjenigen zu sein, die dem falschen Glauben angehören und ein sündenerfülltes Leben führen.

Ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel, das unser Pfarrer oft und gerne in seinen Predigten aufgreift, ist die Bekehrung eines Sünders, der sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. Er erkannte, dass seine Handlungen moralisch verwerflich und widernatürlich waren, und schaffte es mit Gottes Hilfe – durch intensives Beten – ein normales Leben führen zu können. Heute ist er glücklich verheiratet und hat 4 Kinder. Seine Frau hat ihm verziehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass es uns nicht darum geht, den Menschen zu verändern. Jeder Mensch ist ein Individuum und muss als solches respektiert werden. Wir können ihm lediglich dabei helfen, der Mensch zu werden, den Gott aus ihm machen möchte.

Wir Gemeindemitglieder verfolgen genaue Richtlinien in unserem Leben, die der heiligen Bibel entnommen sind und die jeden Sonntag im Gottesdienst von unserem Prediger affirmiert werden. Mir persönlich beschert es innere Zuversicht und Frieden, auf der richtigen Seite zu stehen, und ich halte mir gerne den Spruch vor Augen: „Wenn Gott mit dir ist, wer kann dann gegen dich sein?!“

Hier eine Auflistung der bedeutendsten Glaubensdoktrinen in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit nebst Erläuterungen:

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1) Es darf kein vorehelicher Sex praktiziert werden.

Die Frau muss keusch und unerfahren in die Ehe gehen, denn die Jungfräulichkeit ist ein Geschenk Gottes, das nur einmal im Leben einem Mann dargebracht werden kann. Der Mann sollte möglichst auch jungfräulich in die Ehe gehen. In der Ehe selbst darf der Geschlechtsakt nur mit dem Ehepartner durchgeführt werden. Der Mann zeigt der Frau, wie sehr er sie liebt, indem er sich für sie aufhebt. Einen besseren Liebesbeweis kann es nicht geben. So stellt die Ehe für uns Freikirchler einen größeren Anreiz dar als für Menschen, die in wilder Ehe leben und sich womöglich nach Jahren wieder trennen, weil sie feststellen, dass sie nicht zueinander passen.

Wir dürfen erst nach der Eheschließung eine gemeinsame Wohnung beziehen und heiraten meist sehr früh, da wir es nicht erwarten können, dem Partner zu zeigen, wie sehr wir ihn lieben. Unsere Ehen halten ein Leben lang, denn sie sind von Gott gesegnet worden. Scheidungen werden nicht gerne gesehen und führen zum Ausschluss aus der Gemeinde.

2) Kein Sex vor der Ehe

Beachtet diesen Grundsatz bitte, traut euch, eure Triebe einzudämmen, mit Gottes Hilfe werdet ihr dies schaffen.

3) Nun haltet euch bitte zurück!

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Wir haben viele junge Mitglieder in unserer Gemeinde. Diese haben alltägliche Probleme, die sich nicht wesentlich von denen der ungläubigen Menschen unterscheiden. Der Unterschied besteht lediglich in dem Lösungsansatz, der bei unseren Gemeindemitgliedern christlicher Natur ist.

Samuel-Arvid z. B. hatte lange Zeit mit der Frage zu kämpfen, ob es unchristlich sei, sich tätowieren zu lassen. Die Problematik hatte ihn beinahe an den Rande eines Glaubenskonfliktes gebracht. Was tat er? Er handelte einen Deal mit Gott aus, der besagte, dass er nur Motive wählen würde, die einen biblischen Kontext aufweisen. Heute schmückt die Darstellung des Exodus seinen Rücken und ein Herz mit der Inschrift „I love Jesus“ seinen muskulösen Oberarm.

Lilith-Hortensia bekam einen Heiratsantrag von dem schüchternen, etwas unattraktiven Bartolomeo Joel Maxim. Sie war sich nicht sicher, ob sie den Bund der Ehe eingehen sollte, unter anderem, weil sie den jungen Mann kaum kannte. Was tat sie? Sie wartete auf ein Zeichen Gottes und erhielt es in Form eines Traumes. Heute sind die beiden glücklich miteinander verheiratet.

Ich kann Menschen nicht verstehen, die uneinig mit sich selber sind und dies zum Ausdruck bringen, indem sie die Welt als von Falschheit und Gewalt geprägt darstellen. Ich persönlich deute Naturkatastrophen und Einzelschicksale als den Willen und die Strafe Gottes. Mir kann jedoch nichts passieren, denn ich bin ein gläubiger Mensch. Und sollte mir im Diesseits etwas Schlechtes widerfahren, so nehme ich dies als gegeben hin und vertraue darauf, dass ich im Jenseits die Belohnung für die weltlichen Schmerzen erhalten werde.

Warum sollte man das Leben unnötig verkomplizieren. Alles ergibt einen Sinn. Es gibt kein Schicksal, jeder kann sein Leben selbst lenken. Falsche Handlungen führen zu negativen Konsequenzen. Wer Gottes Wort befolgt, dem wird nichts passieren, der wird im Einklang mit sich selber stehen, denn er kennt die Wahrheit. Gott ist da draußen. Gott ist überall. Bete und du wirst errettet.

So ist es George W. Bush ergangen. Er hat zu Gott gefunden und ist als Belohnung amerikanischer Präsident geworden.

Also bitte, stellt das Leben nicht komplizierter dar als es ist. Lebt euer Leben in Einklang mit Gott und ihr werdet über jeden Selbstzweifel und alle Widersprüchlichkeiten des Lebens erhaben sein. Auf alles gibt es eine Antwort. Lest die Bibel, sie ist Gottes Wort, und zwar 1 zu 1. Moses hat sie verfasst auf der Grundlage von göttlichen Träumen. In diesem Sinne:

Gott segne euch.

Göttliche Grüße

Paul

Anmerkung der Autorin:

Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 


Yes yes yes you can!

 

 

Für kurze Zeit wieder käuflich zu erwerben – die Yes-Törtchen von Nestlé in den Geschmacksrichtungen Cacao und Caramel.

 

Leider muss ich mir eingestehen, dass die anfängliche Euphorie, die ich beim Entdecken dieses Produktes heute im Supermarkt verspürt hatte, größtenteils schon verflogen ist, zumindest was das geschmackliche Erlebnis angeht. Dennoch ist der nostalgische Wert dieses Produktes für mich persönlich die 1.29 Euro pro Packung wert gewesen. Auch bin ich um die unbezahlbare Erkenntnis reicher geworden, dass die Fernsehwerbung meine Kreativität stark gefördert hat. Gar nicht auszudenken, was für ein ideenarmer Mensch ich heute wäre, wenn ich nicht schon im Kindesalter mit Begeisterung Werbespots rezipiert und rezitiert hätte. Wäre dieses Worst-case-Szenario eingetreten, hätte ich mit Sicherheit nicht das Bedürfnis verspürt, eine Geburtstagskerze in eines der Yes-Törtchen zu stecken, wo ich doch rein niemanden kenne, der heute tatsächlich Geburtstag hat.

Bei weiterführenden Recherchen ist mir ein neuer Gedanke gekommen und ich habe schnell mal den Taschenrechner zur Hand genommen und eine Rechenaufgabe daraus konzipiert.

 

Fragestellung:

Proband A konsumiert exakt 0,5 Liter Weinbrand, bevor er das Haus verlässt, um feiern zu gehen. Ein Yes-Törtchen der Geschmacksrichtung Caramel wiegt 32 Gramm und hat einen Alkoholanteil (Weinbrand) von 0.25 Prozent (Quelle: http://www.wdr.de).  Wie viele Yes-Törtchen müsste Proband A konsumieren, um die gleiche Menge Alkohol wie beim Akt des konventionellen Vorglühens zu sich zu nehmen?

Lösungsweg:

Ein Caramel-Yes-Törtchen enthält 0.25 Prozent Weinbrand von 32 Gramm.

32 * 0.25/100 =  0.08 Gramm Weinbrand pro Törtchen, das sind 0.08 ml

500 ml/0.08 ml= 6250

Lösung:

Proband A muss 6250 Yes-Törtchen in der Geschmacksrichtung Caramel verputzen, um 500 ml Weinbrand zu sich genommen zu haben.

Wohl bekomm`s. : )

 

Bedenken bzw. mögliche Fehlerquellen:

Um nicht zwischendurch wieder auszunüchtern, muss Proband A zügig und möglichst mit Verzicht auf Pausen die Törtchen essen, er sollte nicht länger als 2 Stunden benötigen, damit sich für ihn das Ausgehen noch lohnt. Proband A sollte zudem über gute Blutwerte verfügen und von einem Mediziner-Team rund um die Uhr überwacht werden. Es wird Probanden A nahegelegt, nach Beendigung des Experimentes eine Abmagerungskur durchzuführen sowie sich Sponsoren für sein Projekt zu organisieren.

(6250/3= 2083.33 * 1.29 Euro = 2687.5 Euro)

 

Randbemerkung an Probanden A:

„Yes yes yes you can!!!“

 


Herbstsegen

Ich wünsche mir ein Haus voll Segen,

erfüllt mit unbeschwertem Leben,

ein Rückzugsort in schwerer Zeit,

der angenehme Ruh` verleit.

 

Ein Haus, das Gäste lieb empfängt

und alles Übel  schnell verdrängt,

die Unseren willkommen heißt

und Nörgler in ihre Schranken weist.

 

So schenke uns glückerfüllte Tage

und dass man Kummer besser trage

und wenn wir etwas Gutes erbracht

so lass uns friedlich ruhn bei Nacht.

 

 

 

Ich wünsche mir, dass das Böse mich belehrt und das Gute nie von meiner Seite weicht.

 

 

Anleitung zur Reinigungsräucherung

Man nehme ein feuerfestes Räuchergefäß

(z.B. aus Ton, Messing oder Speckstein),

befülle es mit Räuchersand

und lege die angezündete Räucherkohle (erst wenn sie glüht, am besten mit einer Zange festhalten) hinein.

Man verteile den weißen Salbei auf der Kohle

und räuchere sodann das bzw. die Zimmer aus.

Immer direkt an den Wänden entgegen dem Uhrzeigersinn entlanglaufen und den Rauch besonders gründlich in den Ecken verteilen.  Zum Schluss lenke man die negativen Energien nach draußen, indem man alle Fenster öffnet.

 

In diesem Sinne: Seid gesegnet.

 

 


Das feiern ma!

Am kommenden Donnerstag muss die Welt – und Gott sowieso- für ein paar Stunden auf unser mittelhessisches Städtchen hinauf- bzw. hinabblicken, denn ein gigantisches Fest ist bei unsereins angesagt. Echt jetzt, mit Sektempfang, kleinen Häppchen und schicken Sonntagskostümen, denn- ^^drumroll^^ meine Großeltern feiern ihre Diamantene Hochzeit: 60 Jahre in einiger Zwietracht.

Da sitzen wir also, vorglühenderweise, in froher Erwartung der Partygesellschaft

… bestehend aus der Bürgermeisterin der Stadt und ihrem Gefolge, der heimischen Presse, sowie dem katholischen und evangelischen Pfarrer. Und während es Blitzlichter und Segenssprüche hagelt, werde ich belustigt über die Tatsache nachdenken, dass meine Großeltern von einem solchen Aufriss und von Besuch im Allgemeinen etwa ebenso viel halten wie die pressegeile Hotelerbin einer Luxuskette von einem eitrigen Pickel auf ihrer Nase.

Besonders hervorzuheben ist die Fortschrittlichkeit der katholischen  Kirche, ihren Senf, äh Segen zum Anlass dazuzugeben, nachdem sie weit über 50 Jahre die beleidigte Leberwurst gespielt und durch Abwesenheit geglänzt hatte (körperliche, nicht geistige).

Dies mag schon nachvollziehbar sein, denn schließlich hatte meine evangelische Oma damals wenig Lust gehabt, sich katholisch trauen zu lassen. So dackelte sie mit meinem katholischen Opa zum Priester, um sich die offizielle Erlaubnis für eine protestantische  Zeremonie einzuholen. Nachdem sich dieser erbarmt hatte, dem Wunsch meiner Großeltern nachzugeben, holte er sich das hoch und heilige Versprechen ein, dass alle aus der Ehe hervorgehenden Kinder katholisch getauft werden sollten. Was tat nun meine gewitzte Oma? Sie brachte die ersten beiden Kinder im evangelischen Krankenhaus zur Welt und ließ sie kurz nach der Geburt dort taufen. Keine Feier, kein Kuchen, Hauptsache nicht katholisch.

Einige Jahre später erschien der Priester bei meinen Großeltern, um seine Schäfchen zu sich zu holen. Alles was er erntete waren verzweifelte, weinerliche Kinderaugen, deren Träger im Duett „Wir wollen nicht katholisch werden!“ schrien.


Von dreckigen Autos und sauberen Frauen

 

Foto: José Luis López Valenciano / Übersetzung: Ich wünschte meine Frau wäre so dreckig

Diese vor Ironie und Selbstmitleid strotzende Botschaft mag wohl dem Besitzer des Kunstausstellungsstückes „Finger auf Motorhaube“ nur ein müdes Lächeln entlockt haben.  Denn während dieser ohne Weiteres sein Auto waschen könnte, muss sich der kreative Zeitgenosse schon etwas Besonderes einfallen lassen, um seine Frau ordentlich einzustauben.

Mein persönlicher Rat an den Herrn Autobesitzer :

„Wasche die Karre nicht, pflanze lieber Kartoffeln darauf.“


Im Land des Halbschlafes

Heute Morgen stolperte ich über folgende Nachricht:

Leicht erheitert schoss mir der Spruch „Tagsüber bin ich müde, weil ich nachts ein Superheld bin.“ durch den Kopf. War das des Rätsels Lösung, sollte meine beschwerliche Suche nach dem Sinn des Lebens endlich ein Ende finden und ich den Kern meines menschlichen Seins erkannt haben? Natürlich, selbstverständlich, alles erschien auf einmal völlig plausibel und ich war davon überzeugt, dass obiger Brief der Schlüssel zum Tor des Universums und zur ultimativen Erkenntnis sei.

Mit verschwitzten Händen und völlig außer Atem fuchtelte ich in der Luft herum und versuchte, soeben entwickelte Gedanken symbolisch festzuhalten. Sie entglitten mir vor lauter Aufregung und so hielt ich mich an Gedankenfetzen fest, die ich umgehend zu Papier brachte:

Der Mensch, (oder bin es nur ich [das muss geklärt werden]) führt ein Doppelleben, die wahre Existenz des Menschen manifestiert sich in der Nacht, nur dann sind wir die, die wir in Wirklichkeit sind, sind, sind, oh… verdammt, das ist GROß^^

Ich griff nach meinem Asthmaspray, um der Angst, zu ersticken, entgegenzuwirken. Panisch schrie ich in das virtuelle Universum meiner Gedanken die Worte „Oh Gott, oh Gott, oh Gott“ hinein, sie hallten zurück und erreichten die Ohrmuschel meines Freundes, der mir genervt entgegnete:

„Ey, was soll das, was ist los mit dir?“

Ich zuckte zusammen, atmete tief ein und aus und antwortete ihm:

„Es ist nichts, leg dich wieder schlafen.“

Mein Gott, ich hatte gelogen, aber natürlich hatte ich gelogen, am Tage gab ich vor, der Mensch zu sein, den ich in der Nacht verachtete. Ich musste den Schein wahren und hatte es geschafft, mit kleinen ausgefeilten Lügen mir eine Existenz herbei zu erschwindeln, die ich mithilfe der gesellschaftlichen Schablone abgefertigt hatte. Ein Kunstwerk, ein Zaubertrick, oooohhhh, war ich gut.

Dann begann sich eine Paranoia auszubreiten und ich reflektierte über die Möglichkeiten, diesen Mann neben mir aus dem gesellschaftlichen Verkehr zu ziehen, falls er mein Doppelleben erkannt haben sollte und mich zu erpressen versuchte. Diese Gedanken führten zwangsläufig zu der Frage, ob nur ich diese Doppelmoral auslebte oder ob jeder^^^…. Ich traute mich nicht, die Frage auszuformulieren, denn ich wollte jemand Besonderes oder wenigstens eine von wenigen Superhelden auf der Welt sein.

Ob der Name `Lady Männerschreck` schon vergeben war? Als Alternativen kämen noch `Emanzipatorin` und `Mrs Kickballs` in Frage. Die Überlegungen zu meinem Superheldennamen wurden bald uninteressant und wichen den weitaus ergiebigeren Gedanken über das Design meines Kostüms. Zunächst einmal war zu klären, welche Farbe mein Superheldenkostüm haben sollte und ob es sinnvoll sei, Nagellack im gleichen Farbton aufzutragen? War ich nun eher der Herbsttyp oder der Frühlingstyp, welche Frisur würde mir stehen und sollte ich meine rosa Schlafbrille zur Maske umfunktionieren?

Ich verstrickte mich in Gedankengänge, die wohl kaum ein Mensch nachzuvollziehen imstande war und bald war ich so verwirrt, dass ich mir selbst in jedem zweiten Satz widersprach und erschöpft von dieser neu erlangten Weisheit in einen tiefen Schlaf verfiel.

Etliche Stunden später wurde ich unsanft von einem männlichen Geschöpf geweckt. Ich vernahm die ernst klingenden und betont langgezogenen Worte:

„Schaaaatz, wir müssen reden.“

Verschlafen entgegnete ich:

„Waas, wo bin ich?“

„Schaatz, ich mache das nicht mehr mit. Immer beharrst du darauf, dass ich bei dir im Bett schlafen soll. Für dich mag da ja schön kuschelig sein, aber du hast auch einen extrem tiefen Schlaf und erkämpfst dir mit allen Mitteln deinen Platz. Ich finde das aber nicht lustig. Du schnarchst mich voll und trittst und haust mich.“

Verlegen drehte ich mein Gesicht zur Wand und antwortete ihm kleinlaut:

„Es tut mir leid, aber ich kann mich an nichts erinnern.“


Sushi?- Nein danke, aber…

Ich habe ihn endlich aufgegeben, den Kampf mit, äh…. besser gesagt gegen den neuesten kulinar(r)ischen Trend aus Japan, der solch einen poetisch anmutenden Namen trägt: „Sushi“. So werde ich höchstwahrscheinlich mein nächstes Haustier taufen und ich hätte auch nichts dagegen, meine Küchenzeile mit Bildern dieser bunten kleinen Happen zu bestücken, aber in meinem Darm verursacht dieses wohlklingende Gericht leider nichts als Kakophonie. So war ich zunächst zwischen den Möglichkeiten hin- und hergerissen, eine Immunisierungskur durch den quantitativen Verzehr von Sushi auf Eigenverantwortung und ohne Absprache mit meinem Hausarzt durchzuführen oder mich und meinen Magen nicht länger mit den gefühlten 80.000 ekelerregenden Geschmacksrichtungen zu malträtieren und in Kauf zu nehmen, von einem beliebigen Trendmagazin als OUT abgestempelt zu werden. Ich erwische mich dennoch immer wieder dabei, durch die einladenden Fensterfronten diverser Sushibars zu stieren und wie hypnotisiert der Umlaufbahn des Laufbandes zu folgen, mich über die vielen bunten Farben und Formen der Häppchen zu freuen und mir innerlich zu denken:

„Oh wie süß..“

Quelle: Robson Oliveira/ http://www.sxc.hu

Ja, liebe Japaner, ihr habt uns Europäer um den Finger gewickelt und das Sprichwort „Das Auge isst mit“ wahr werden lassen. „Leider“, oder sollte ich sagen „Gott sei dank“ sind mir auf meiner Zunge bisher noch keine Augen gewachsen, sodass ich passen muss, meinem Geldbeutel eine Nulldiät erspare und mich auf weniger stylisches, dafür meinem Gaumen zugetaneres und kostengünstigeres Essen stürzen kann. Und wenn mich demnächst jemand fragt, ob ich Lust auf Sushi hätte, dann weiß ich jetzt schon, was ich darauf erwidern werde:

“Sushi? – Nein danke, aber darf ich ein Foto schießen?“